{"id":2796,"date":"2019-06-11T13:34:50","date_gmt":"2019-06-11T11:34:50","guid":{"rendered":"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/?p=2796"},"modified":"2022-07-07T15:38:22","modified_gmt":"2022-07-07T13:38:22","slug":"volksgruppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/index.php\/2019\/06\/volksgruppen\/","title":{"rendered":"Vladimir Wakounig: Welche (Schul-)Bildung brauchen Minderheiten? Die \u00f6sterreichische Volksgruppenpolitik"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><br><\/strong>\u00dcber \u00f6sterreichische Minderheitenpolitik bzw. Volksgruppenpolitik zu schreiben, macht sehr bald deutlich, wie unterschiedlich sich die Auswirkungen der politischen Praxis bei den jeweiligen Volksgruppen zeigen und wie unterschiedlich sich diese gegen\u00fcber der Politik der Herrschenden artikulieren. Die Bundesl\u00e4nder, in denen die anerkannten Minderheiten\/Volksgruppen leben, haben mit ihrer Politik und ihrer Logik des Machtverh\u00e4ltnisses \u2013 Mehrheit versus Minderheit \u2013 wesentlich dazu beigetragen, dass es gar nicht m\u00f6glich war, auch auf der Ebene der Bundespolitik einheitliche politische Rahmenbedingungen und Standards f\u00fcr eine bundesweite Minderheitenpolitik zu entwickeln. Die Realit\u00e4ten dieses Ph\u00e4nomens sind nicht erst in den letzten Jahrzehnten erkennbar, sondern haben ihre historischen Wurzeln bereits im 19. Jahrhundert, als die einzelnen \u00f6sterreichischen Sprachgruppen zum Teil ein v\u00f6llig unterschiedliches nationales Selbstverst\u00e4ndnis entwickelten (vgl. Baumgartner, o.J.), welches sich letztlich auch entsprechend auf die Politisierung, Mobilisierung und Selbstbehauptung der Minderheiten auswirkte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"671\" src=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/13_Slowenisch-1024x671.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5099\" srcset=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/13_Slowenisch-1024x671.jpg 1024w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/13_Slowenisch-300x196.jpg 300w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/13_Slowenisch-768x503.jpg 768w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/13_Slowenisch-520x340.jpg 520w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Nach einer angek\u00fcndigten Aktion slowenischer Aktivisten zur Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln Mitte der 1970er Jahre in St. Jakob im Rosental \/ \u0160entjakob v Ro\u017eu bewachen Gendarmeriebeamte die einsprachige. \nFoto: Franc Kattnig \/ Florijan Sablatschan\n\u00a9 Narodni svet koro\u0161kih Slovencev \/ Rat der K\u00e4rntner Slowenen\n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Speziell die unterschiedlichen politischen Lager bzw. Parteien haben noch zu Zeiten der \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie in den einzelnen L\u00e4ndern zum Teil zu markanten politischen Lagerbildungen innerhalb der Sprachminderheiten beigetragen, die langfristig die ethnische und politische Identifikation der Volksgruppen zur\u00fcckdr\u00e4ngten und den Assimilierungsprozess f\u00f6rderten. Dazu kam die gesellschaftliche Modernisierung, die zu einer gewaltigen Ver\u00e4nderung aller Lebensbereiche der gesamten Bev\u00f6lkerung f\u00fchrte, bei den Volksgruppen aber zu einer intensiven Beschleunigung der Assimilierung bzw. des Verlustes des ethnischen Gruppenbewusstseins f\u00fchrte. Besonders Minderheiten, die aufgrund ihrer Siedlungs- und Wohnsituation den Urbanisierungsprozessen st\u00e4rker ausgesetzt waren (bspw. Ungar\/innen, Wiener Tschech\/innen und Slowak\/innen), erlebten ihre sprachliche und kulturelle Anpassung an die Mehrheitsbev\u00f6lkerung wesentlich st\u00e4rker als jene Minderheiten (Kroat\/innen im Burgenland, Slowen\/innen in K\u00e4rnten), die in den d\u00f6rflichen Strukturen mit ihren Kulturgemeinschaften den Zusammenhalt und das ethnische Bewusstsein weiterhin bzw. l\u00e4nger erhalten konnten (vgl. Suppan 1983, S. 231ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund dieses groben Umrisses wird deutlich, dass es in einem \u00dcbersichtsartikel kaum m\u00f6glich ist, \u00fcber die eigentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Selbstbehauptungsinitiativen bzw. politische Protestformen aller \u00f6sterreichischer Volksgruppen zu schreiben, ohne dabei an Nachvollziehbarkeit, Vollst\u00e4ndigkeit und Verst\u00e4ndlichkeit einzub\u00fc\u00dfen. Die folgenden Ausf\u00fchrungen sind daher auf die Schul- und Bildungssituation der K\u00e4rntner Slowen\/innen gerichtet. Trotz dieser notwendigen Einschr\u00e4nkung soll der Versuch unternommen werden zu zeigen, wie sich die politischen Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Mehrheit und Minderheit, zwischen Regierenden und Vertreter\/innen der Minderheit entwickeln und welche Auswirkungen sie auf das Zusammenleben und auf das \u00dcberleben einer Volksgruppe haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fokussierung auf die Bildungssituation der slowenischen Volksgruppe hat gewisserma\u00dfen eine Stellvertreterfunktion f\u00fcr andere \u00f6sterreichische Minderheiten und soll klar machen, welche bedeutende Rolle das Schul- und Bildungswesen f\u00fcr den Spracherhalt, die Identifikation mit den kulturellen Repr\u00e4sentationen und die Selbsterm\u00e4chtigung aller autochthonen Sprachminderheiten haben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Bildungswesen \u2013 ein zentrales Instrument der Sprachpolitik<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2812\" src=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/02_Feinig-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"263\" height=\"351\" srcset=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/02_Feinig-768x1024.jpg 768w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/02_Feinig-225x300.jpg 225w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/02_Feinig-520x693.jpg 520w\" sizes=\"(max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/>\r\n<figcaption>Buchcover von \u201eSloven\u0161\u010dina v \u0161oli \u2013 Slowenisch in der Schule\u201c von Tatjana Feinig, 2008.<br \/>\u00a9 Vladimir Wakounig, privat<\/figcaption>\r\n<\/figure>\n\n\n\n<p>Schon eine kurze Besch\u00e4ftigung mit der Situation verschiedener Volksgruppen in den einzelnen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern unterstreicht die Bedeutung des Bildungswesens im Kampf gegen den Sprachverlust und die zunehmende Assimilation. Die Verbindung Minderheiten- bzw. Volksgruppensprachen und Bildungswesen ist ein st\u00e4ndiges Thema, bei dem es um die Bedeutung und den Stellenwert einer Minderheitensprache im \u00f6ffentlichen Raum sowie um die Weitergabe der Sprachen an die junge Generation geht. Aus diesem Grund ist es nicht egal, ob eine Minderheitensprache in der Schule nur als Gegenstand angeboten wird oder als Unterrichtssprache fungiert. Es ist auch ein gro\u00dfer Unterschied, ob in einer Region die Minderheitensprache in der Schule auf freiwilliger Basis gelernt wird oder ob diese nach dem territorialen Prinzip von allen Sch\u00fcler\/innen erworben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jeweiligen schulischen Ma\u00dfnahmen bez\u00fcglich der Verankerung der Minderheitensprachen haben einen gro\u00dfen Einfluss auf die sprachliche und kulturelle Identit\u00e4t heranwachsender Generationen eines gemeinsamen Raumes. Das (obligatorische) gemeinsame Lernen beider Sprachen, also die der Mehrheit und der Minderheit, schafft entscheidende Bedingungen f\u00fcr interkulturelle Beziehungen zwischen den Angeh\u00f6rigen beider Gruppen und erm\u00f6glicht, dass wertsch\u00e4tzende und anerkennende Einstellungen zur Sprache und Kultur der jeweils anderen Gruppe entstehen k\u00f6nnen. Man kann davon ausgehen, dass mit der Ber\u00fccksichtigung und der Gleichstellung der Minderheitensprache mit der Mehrheitssprache auch ihr allgemeines Ansehen w\u00e4chst, was aus soziolinguistischer Perspektive eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr das gesellschaftliche Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten darstellt (vgl. Neumann 2009, S. 44ff). Das jeweilige Bildungswesen ist daher ein zentrales Instrument staatlicher Bildungs-, Volksgruppen- und Sprachpolitik, mit dem es m\u00f6glich ist, die F\u00f6rderung und den Erhalt der Minderheitensprachen zu steuern. Umgekehrt kann sich das Bildungswesen auch als eine m\u00e4chtige Institution der offiziellen Assimilationspolitik und des latenten Sprachverlustes von Minderheitenangeh\u00f6rigen erweisen. In diesem Fall kann man von linguizistischen Strategien sprechen, mithilfe derer Staaten mit offener und subtiler Unterdr\u00fcckung das Verschwinden von Sprachen geplant und bewusst in Kauf nehmen (vgl. Neumann 2009, 29ff und Dirim 2010, 91ff).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"520\" height=\"311\" src=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Volksschule-Ebriach.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5102\" srcset=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Volksschule-Ebriach.jpg 520w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/01_Volksschule-Ebriach-300x179.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><figcaption>Volksschule Ebriach \u2013 Ljudska \u0161ola Obirsko\n\u00a9 Vladimir Wakounig, privat\n<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei genauerer historischer Analyse von politischen und gesellschaftlichen Ereignissen, die sich auf die Schul- und Bildungssituation der Slowen\/innen in K\u00e4rnten auswirkten, muss man festhalten, dass linguizistische Handlungen und Aktionen von den Repr\u00e4sentanten der offiziellen Politik permanent angewendet wurden. Im Umgang der Herrschenden mit der slowenischen Sprache im Bereich des Bildungswesens st\u00f6\u00dft man auf Beispiele, die von offener Unterdr\u00fcckung bis zur latenten institutionellen Marginalisierung des Slowenischen zeugen. Hanns Haas spricht im Zusammenhang mit der bewussten Eindeutschung der Angeh\u00f6rigen der slowenischen Minderheit von \u201esozialstruktureller Gewalt\u201c, die ihre \u201eh\u00f6chste Ausdrucksform im Bekenntniszwang, dem die Slowenen permanent ausgesetzt werden\u201c (Haas 1984, 26), findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht beabsichtigt, einen genauen historischen Abriss der Bedeutung der Schule und der Bildung f\u00fcr die slowenische Volksgruppe in K\u00e4rnten zu geben. Vielmehr sollen einige markante Ereignisse hervorgehoben werden, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Schul- und Bildungssituation im zweisprachigen Gebiet K\u00e4rntens haben\/hatten und die die Beziehung zwischen der slowenischen Minderheit und der deutschsprachigen Mehrheit pr\u00e4gen\/pr\u00e4gten. Dabei sind vor allem der gesellschaftliche Stellenwert der slowenischen\/zweisprachigen Ausbildung und ihre Akzeptanz durch die Bev\u00f6lkerung in S\u00fcdk\u00e4rnten von besonderem Interesse. Beides, die gesellschaftliche Bedeutung und die Wertsch\u00e4tzung oder Nichtwertsch\u00e4tzung der slowenischen\/zweisprachigen Bildung, wird aber letztlich \u2013 so die These \u2013 von der jeweiligen Politik und den politisch Herrschenden beeinflusst. Der Diskurs verschiedener Herrschaftseliten ist wesentlich daf\u00fcr verantwortlich, welche Haltung und Einstellung die Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber der Minderheitenschule einnimmt und wie sie auf das zweisprachige Bildungsangebot, Deutsch und Slowenisch, reagiert.<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Utraquistische Schule und ihr Ein\u00fcben in das Deutsche<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03_Zwangsschulverordnung-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2813\" width=\"384\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03_Zwangsschulverordnung-768x1024.jpg 768w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03_Zwangsschulverordnung-225x300.jpg 225w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03_Zwangsschulverordnung-520x693.jpg 520w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption>Flugzettel gegen die \u201eK\u00e4rntner Zwangsschulverordnung\u201c, 1945. \u00a9 Vladimir Wakounig, privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In der Einstellung zur eigenen Sprache und zur eigenen Kultur spielte bei der Bev\u00f6lkerung in S\u00fcdk\u00e4rnten, die um die Mitte des 19. Jahrhundert fast vollst\u00e4ndig slowenischsprachig war, die Schulbildung eine Schl\u00fcsselrolle. Mit dem Inkrafttreten des Reichsvolksschulgesetzes 1869 wurde die sogenannte utraquistische Schule eingerichtet, deren Ziel es war, Kinder mit slowenischer Muttersprache so schnell wie m\u00f6glich in die deutsche Sprache und deutsche Kultur einzugliedern. Die slowenische Sprache wurde im Unterricht nur so lange eingesetzt, bis die Lehrer\/innen den Eindruck hatten, die Kinder k\u00f6nnen dem deutschsprachigen Unterricht folgen. In vielen Schulen unterrichteten Personen, die Slowenisch nur rudiment\u00e4r konnten, ein Gro\u00dfteil der Lehrerschaft war deutschgesinnt, lehnte die slowenische Sprache aus ideologischen Gr\u00fcnden ab und lie\u00df ihre slowenischfeindliche Haltung auch die Kinder sp\u00fcren. Die Verwendung des Slowenischen war zeitlich befristet und hatte prim\u00e4r die Funktion eines politisch-sozialisatorischen \u00dcberleitungsmediums an jene Verh\u00e4ltnisse und Bedingungen, die den weiteren Eindeutschungs- bzw. Assimilierungsprozess bewerkstelligten und beschleunigten (vgl. Wakounig 1984, S.66). Die Verwendung des Slowenischen diente nicht dazu, den Kindern eine solide Sprachbildung in ihrer Erstsprache zu erm\u00f6glichen, sondern dazu, sie f\u00fcr das Deutsche lernf\u00e4hig zu machen. Das Slowenische wurde in der Schule zur Hilfssprache degradiert, um die Assimilation an das Deutschtum zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die utraquistische Schule verk\u00f6rperte das Prinzip und die Ideologie \u201evon der H\u00f6herwertigkeit der deutschen Kultur und Sprache und der deutschen Einheit K\u00e4rntens\u201c. (Haas\/Stuhlpfarrer 1997, S. 14) und ihre Vertreter\/innen unternahmen alles, damit sich das Slowenische nicht zu einer gleichberechtigten Schul- und Bildungssprache entwickeln und etablieren konnte. F\u00fcr weite Teil der slowenischen Bev\u00f6lkerung blieb die Verwendung der slowenischen Sprache auf den Hof und die Familie beschr\u00e4nkt. Die Schule verhinderte, dass die slowenische Standardsprache erlernt werden konnte und so war es nicht verwunderlich, dass der Gro\u00dfteil der slowenischen Abg\u00e4nger\/innen der utraquistischen Schule als Analphabeten in ihrer eigenen Mutter- bzw. Erstsprache zu bezeichnen sind (vgl. Domej 2002, S.1244 ff). Viele Sch\u00fcler\/innen erlebten ihre slowenische Mundart als Widerspruch zum Schriftslowenischen und verweigerten die slowenische Lekt\u00fcre mit dem Hinweis, diese Sprache habe mit ihrer Sprache nichts gemeinsam. Tatsache ist, dass die deutschnationale Schul- und Bildungspolitik mit dem utraquistischen Schulwesen ihre nationalistischen Zielsetzungen erreichte und somit die Ungleichheit zwischen den Deutsch- und Slowenischsprachigen in K\u00e4rnten verfestigte. Das utraquistische Schulwesen war ein wesentliches politisches Instrument zur Sicherung der Vorherrschaft der deutschen Sprache und Kultur und der Abh\u00e4ngigkeit der Slowen\/innen in K\u00e4rnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die slowenische Nationalbewegung, die sich um das Revolutionsjahr 1848 zu entwickeln begann und in manchen Gebieten unter der slowenischen Bev\u00f6lkerung relativ stark Fu\u00df fassen konnte, wollte ihre sprachlichen Emanzipationsbestrebungen durch einen muttersprachlichen Unterricht mit Deutsch als Pflichtgegenstand im Elementarbereich als Gegenentwurf zur deutschnationalen Bildungspolitik durchsetzen. Doch die Umsetzung der utraquistischen Schule brachte der slowenischen Emanzipationsbewegung das fr\u00fchzeitige Ende (vgl. Kolb 2018, S. 82). Slowenische Geistliche, die zu den Proponenten eines nationalen Erstarkens des Slowenischen z\u00e4hlten, wurden zu Feindbildern des deutschsprachigen B\u00fcrgertums erkl\u00e4rt. Besonders bei den deutschfreundlichen Kreisen hielten sich die Ressentiments gegen\u00fcber der slowenischen Geistlichkeit in vielen Gebieten bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts und waren ein Produkt nicht aufgekl\u00e4rter und nicht bew\u00e4ltigter Konflikte der Nationalisierung slowenischer und deutschsprachiger K\u00e4rntner\/innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das utraquistische Schulwesen war mehr oder weniger sieben Jahrzehnte lang in Geltung (1869\u20131941) und neben \u00f6konomischen, sozialen und politischen Bedingungen eine der m\u00e4chtigsten S\u00e4ulen des ungleichen Verh\u00e4ltnisses zwischen der deutsch- und slowenischsprachigen Bev\u00f6lkerung in K\u00e4rnten. Es war an einer zentralen Stelle der Beziehungen der beiden Bev\u00f6lkerungsgruppen zueinander angesiedelt. Die gesellschaftliche Hierarchisierung und Anerkennung von Deutsch und Slowenisch, die Asymmetrie und die unterschiedliche \u00f6ffentliche Bedeutung der beiden Sprachen wurden durch utraquistischen Unterricht internalisiert. Somit wurden in der Schule \u00fcber mehrere Generationen hinweg Einstellungen und Wahrnehmungen der Heranwachsenden gegen\u00fcber den beiden Sprachen weitergegeben und entscheidend gepr\u00e4gt. Man kann ohne Weiteres die Behauptung aufstellen, dass das Erbe der utraquistischen Schule auch nach ihrem Ende weiterhin wirksam blieb und wesentlich dazu beitrug, dass sich trotz Wiederherstellung demokratischer Verh\u00e4ltnisse nach dem Zweiten Weltkrieg keine langfristige Perspektive f\u00fcr eine obligatorische zweisprachige Bildung, an der beide Volksgruppen partizipieren, entwickeln konnte. Die gesellschaftlich und bildungspolitisch inferiore Stellung der slowenischen Sprache wurde \u00fcber Jahrzehnte durch die Schule ma\u00dfgeblich bestimmt (vgl. Kolb 2018, S. 82).<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>St\u00e4rkung der eigenen Strukturen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2814\" src=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/04_Haas_Stuhlpfarrer-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/04_Haas_Stuhlpfarrer-768x1024.jpg 768w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/04_Haas_Stuhlpfarrer-225x300.jpg 225w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/04_Haas_Stuhlpfarrer-520x693.jpg 520w\" sizes=\"(max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/>\r\n<figcaption>Buchcover \u201e\u00d6sterreich und seine Slowenen\u201c von Hanns Haas und Karl Stuhlpfarrer, 1977.<br \/>\u00a9 Vladimir Wakounig, privat<\/figcaption>\r\n<\/figure>\n\n\n\n<p>Die sprach- und schulpolitische Situation der K\u00e4rntner Slowen\/innen hat sich in der Ersten Republik zunehmend versch\u00e4rft. Zahlreiche slowenische Priester verlie\u00dfen das Land, Lehrer\/innen, die sich im Vorfeld der Volksabstimmung 1920 f\u00fcr die slowenischen Anliegen engagierten, wurden versetzt oder mussten fliehen, viele slowenischsprachige Beamten wurden des Dienstes enthoben. Die offizielle Politik des Landes K\u00e4rnten betrieb eine bewusste Schw\u00e4chung, Unterdr\u00fcckung und Vertreibung slowenischer Intelligenz gepaart mit einer aggressiven Entnationalisierung und Entfremdung der Slowen\/innen von ihrer Sprache und Kultur (vgl. Domej 2002, S. 1246).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich antislowenische politische und strukturelle Ma\u00dfnahmen nicht schlimmer auf den Bedeutungsverlust und das Verschwinden des Slowenischen aus dem \u00f6ffentlichen Raum ausgewirkt haben, hat in erster Linie mit einer bewussten St\u00e4rkung der eigenen Strukturen der K\u00e4rntner Slowen\/innen zu tun. Slowenische Lehrer\/innen und Priester erkannten, dass von der utraquistischen Schule keine Bildung in slowenischer Sprache zu erwarten war. Daher wurden nach 1920 in vielen Ortschaften S\u00fcdk\u00e4rntens slowenische Kultur- und Bildungsvereine eingerichtet, die sich zur Aufgabe setzten, die slowenische Sprache durch verschiedene Aktivit\u00e4ten (wie Theater, Lesezirkel, Tagungen) zu f\u00f6rdern, politische Aufkl\u00e4rung zu betreiben, das Selbstbewusstsein der Menschen zu st\u00e4rken und den Zusammenhalt zu erm\u00f6glichen. F\u00fcr die slowenische Volksgruppe war die Arbeit der Vereine ein entscheidendes Instrument gegen die offizielle Assimilierungspolitik. Kulturarbeit war wichtige politische Bildungsarbeit, bei der auch \u00fcber gesellschaftliche, politische, soziale, wirtschaftliche und historische Entwicklungen und Ereignisse vorgetragen und diskutiert wurde. Entscheidend dabei war, dass mit der Verwendung des Slowenischen eine bewusste Alphabetisierung und eine Hinf\u00fchrung zur eigenen Sprache erreicht werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Partizipation der slowenischen Bev\u00f6lkerung K\u00e4rntens an der slowenischen Literatur und Kultur in der Zwischenkriegszeit ist vorwiegend ein Verdienst der vielen Kulturvereine, die slowenischsprachige B\u00fccher unter die Bev\u00f6lkerung brachten und besonders mit dem Theaterspiel quasi eine slowenische Basisbildung erm\u00f6glicht haben. Ohne diese private Vereinst\u00e4tigkeit w\u00e4re es nicht m\u00f6glich gewesen, die Kompetenz des Slowenischen und die Literalit\u00e4t im Slowenischen aufzubauen und zu erhalten. Tatsache ist, dass sich die slowenische Sprache und der Zugang zur slowenischen Kultur und Literatur am l\u00e4ngsten dort erhalten haben, wo es den Kulturvereinen gelungen ist, Menschen anzusprechen, aktiv einzubinden und gezielte Bildungsarbeit in slowenischer Sprache anzubieten (vgl. Bahovec 2003; Malle 1991). Die Kultur- und Bildungsarbeit der slowenischen Vereine war ein wesentlicher Ersatz f\u00fcr die fehlende Schulbildung in der eigenen Sprache und sicherte damit auch die Hebung der Allgemeinbildung der Slowen\/innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige Rolle bei der F\u00f6rderung der slowenischen Erziehung und Bildung \u00fcbernahm der Slowenische Schulverein (Slovensko \u0161olstvo dru\u0161tvo), gegr\u00fcndet 1908 in Klagenfurt, dessen Ziel es war, die Gr\u00fcndung slowenischer Schulen zu erm\u00f6glichen und sich f\u00fcr die slowenische Allgemeinbildung von Jugendlichen einzusetzen. Dieser Schulverein ist bis heute t\u00e4tig und Tr\u00e4ger und Erhalter mehrerer privater zweisprachiger Kinderg\u00e4rten in K\u00e4rnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Rekonstruiert man die Intentionen der Gr\u00fcndungen von slowenischen Kulturvereinen, so stellt sich heraus, dass die Weitergabe und der Erhalt des Slowenischen zu den wichtigsten Aufgaben z\u00e4hlten, um eine nachhaltige Identifikation mit der slowenischen Sprache und Kultur zu erm\u00f6glichen. Die Teilnahme am Vereinsleben hatte somit eine identit\u00e4tsstiftende Funktion \u00fcber mehrere Generationen hinweg. F\u00fcr die Bedeutung der Kulturvereine f\u00fcr den Erhalt der (Minderheiten)-Sprache und die Bildung in der eigenen Sprache sind zu dieser Zeit in anderen europ\u00e4ischen Staaten keine vergleichbaren Hinweise zu finden. Das Vertrauen in die eigene St\u00e4rke und die Schaffung eigener Strukturen haben bei den K\u00e4rntner Slowen\/innen zur St\u00e4rkung der Zusammengeh\u00f6rigkeit und Selbstverantwortung f\u00fcr den aktiven Spracherhalt beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Nach 1945 \u2013 kurzlebige Hoffnung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In der Zeit der Konstituierung der Zweiten Republik war aufseiten der K\u00e4rntner Landesregierung gegen\u00fcber der slowenischen Volksgruppe eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig positive Einstellung zu erkennen, die es erm\u00f6glichte, dass in S\u00fcdk\u00e4rnten ein obligatorisches zweisprachiges Pflichtschulwesen eingef\u00fchrt wurde. Die am 3. Oktober 1945 verabschiedete Verordnung zur Neugestaltung der zweisprachigen Volksschule sollte der erste Pr\u00fcfstein f\u00fcr die versprochene Wiedergutmachung an den vertriebenen Slowen\/innen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schulische Neuregelung bedeutete einen v\u00f6lligen Bruch mit dem alten utraquistischen Schulsystem: Deutsch und Slowenisch gelten ab nun als gleichwertige Unterrichtssprachen, die zweisprachige Bildung ist an die gesamte Bev\u00f6lkerung im gemischtsprachigen Siedlungsgebiet gerichtet, das nationale Bekenntnisprinzip bildet keine Grundlage f\u00fcr die Unterrichtssprache, die zweisprachige Bildung wird auf ein bestimmtes Gebiet ausgedehnt, die Verantwortung f\u00fcr die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft haben beide Bev\u00f6lkerungsgruppen, nationale Zuschreibungskategorien werden aufgehoben und die Schule in S\u00fcdk\u00e4rnten soll aus den Fesseln des Volkstumskampfes befreit werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die entscheidende p\u00e4dagogische Herausforderung bestand darin, dass das neue Schulsystem dem Auftrag nach gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung und Akzeptanz \u00fcber die sprachlich-ethnischen Grenzen hinweg nachkommen musste und den pers\u00f6nlichen nationalen Ambitionen kein Gewicht mehr beigemessen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schulsystem, das die urspr\u00fcnglichen ethnischen Herrschaftsordnungen infrage stellte, die Dominanz der deutschen Sprache relativierte und gleichzeitig das Erlernen der slowenischen Sprache zu einem verpflichtenden Bildungsauftrag f\u00fcr alle machte, bedeutete in den Augen deutschnationaler Kreise und ehemaliger Nazis eine Provokation. F\u00fcr sie wurde diese Schule von Beginn weg als Zwangsverordnung (\u201eZwangsschule\u201c, \u201eDiktat der Briten\u201c, \u201eDiktat der Alliierten\u201c) abgestempelt, die sie mit allen Mitteln und Obstruktionen bek\u00e4mpften. Das obligatorische zweisprachige Schulsystem r\u00fcttelte an jahrzehntelangen Fundamenten der sprachlichen Hierarchisierung und Ordnung. Die Gleichstellung und die Gleichberechtigung beider Sprachen in der elementaren Bildung standen in einem v\u00f6lligen Widerspruch zur slowen\/innenfeindlichen Herrschaftspraxis.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellte sich bald heraus, dass f\u00fcr die Regierenden die Schulverordnung von 1945 \u00fcber die zweisprachige Schule blo\u00df ein terminisierter Rettungsanker war, um die Verhandlungen zum Staatsvertrag m\u00f6glichst schnell zu einem positiven Ende zu bringen. Die obligatorische zweisprachige Schule war im Grunde eine geduldete Ruhigstellung der K\u00e4rntner Slowen\/innen und wurde am 22.9.1958 auf Druck deutschnationaler Gruppierungen au\u00dfer Kraft gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Zwischen Hoffnung und Niedergang<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages (1955) gab es f\u00fcr die K\u00e4rntner Slowen\/innen zwei entscheidende Ereignisse, die sich auf das zweisprachige Schulwesen nachhaltig auswirkten. Im Jahre 1957 wurde das Bundesgymnasiums f\u00fcr Slowenen in Klagenfurt (Zvezna gimnazija za Slovence v Celovcu) gegr\u00fcndet. Die Verwirklichung einer slowenischen h\u00f6heren Schule war f\u00fcr viele die Erf\u00fcllung jener Bildungsanstrengungen, die dem Slowenischen den Wert und das Ansehen einer Bildungssprache verleihen sollten. Nur ein Jahr sp\u00e4ter (1958) setzte mit der Abschaffung des obligatorischen Schulwesens \u201eeine neue Etappe des Niederganges des Slowenischen in Schule \u00d6ffentlichkeit und Alltagsleben\u201c (Domej 2002, S. 1248) ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zwei wichtigen minderheitenpolitischen Ereignisse fielen zeitlich nicht zuf\u00e4llig zusammen. Dahinter stand die politische Strategie, der breiten Bev\u00f6lkerung in S\u00fcdk\u00e4rnten die zweisprachige Bildung und Erziehung zu entziehen und sie auf allen Ebenen zu unterbinden. Der slowenischen Sprache sollte die Basis f\u00fcr eine gesellschaftliche Funktionalit\u00e4t entzogen werden und die Schlie\u00dfung des Bundesgymnasiums f\u00fcr Slowenen w\u00e4re eine logische Folge gewesen (vgl. Wakounig 2008, S.&nbsp;238). Die \u201eprogrammierte Totgeburt\u201c (Pachner 1977, S. 38) trat jedoch nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2815\" src=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/05_KHD-Demo-gegen-slo-Gymnasium.jpg\" alt=\"\" width=\"465\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/05_KHD-Demo-gegen-slo-Gymnasium.jpg 384w, https:\/\/initiative.minderheiten.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/05_KHD-Demo-gegen-slo-Gymnasium-300x223.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/>\r\n<figcaption>Demonstration des K\u00e4rntner Heimatdienstes (KHD) gegen das Slowenische Gymnasium in Klagenfurt\/Celovec, 1974.<br \/>\u00a9 Vladimir Wakounig, privat<\/figcaption>\r\n<\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Anmeldungen zum zweisprachigen Unterricht<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a> im Pflichtschulbereich in den folgenden Jahren rapide sanken und im Schuljahr 1975\/76 nur mehr 13,9% der Kinder in den Volksschulen S\u00fcdk\u00e4rntens einen zweisprachigen Unterricht besuchten, wuchs das Vertrauen in das Bundesgymnasium f\u00fcr Slowenen von Jahr zu Jahr. Mit der Etablierung des Gymnasiums begannen sich die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse der slowenischen Volksgruppe grundlegend zu \u00e4ndern. Die Existenz eines eigenen Gymnasiums erwies sich f\u00fcr die gesamte slowenische Volksgruppe als eine entscheidende gesellschaftspolitische Emanzipation. Je st\u00e4rker sich slowenische Absolvent\/innen am politischen, kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und \u00f6ffentlichen Leben beteiligten und die slowenische Sprache als Selbstverst\u00e4ndlichkeit im \u00f6ffentlichen Raum einforderten, umso mehr wuchs die Ablehnung der Schule durch die deutschnationalen Kreise. Bei verschiedenen Aufm\u00e4rschen minderheitenfeindlicher Organisationen wurde das Slowenische Gymnasium als \u201eDas gro\u00dfe Gift\u201c desavouiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich gegen Ende der 1970er Jahre vor allem politisch aufgeschlossene und akademisch gebildete Personen aufgrund ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit vermehrt entschlossen, ihre Kinder zum zweisprachigen Unterricht anzumelden, wurde dieser Prozess von der offiziellen Politik und den deutschnationalen Organisationen nicht goutiert. Der K\u00e4rntner Heimatdienst verlangte in der ersten H\u00e4lfte der 1980er-Jahre vehement die Einf\u00fchrung getrennter Volksschulen sowie eine Personalpolitik, die auf dem ethnischen Prinzip beruhte (\u201eDeutsche Lehrer f\u00fcr deutsche Kinder\u201c). Den Angriff auf eine radikale strukturelle, organisatorische und personelle \u00c4nderung des Minderheitenschulwesens konnten die K\u00e4rntner Slowen\/innen nur mithilfe einer solidarischen Haltung der Mehrheitsbev\u00f6lkerung und des Engagements der \u00f6sterreichischen und ausl\u00e4ndischen Sozialwissenschaftler\/innen abwehren. Mehrere politische Vertreter der slowenischen Volksgruppe erkannten, dass die Einbindung demokratisch gesinnter Personen aus der Mehrheitsbev\u00f6lkerung und international anerkannter Expert\/innen auf dem Gebiet der Zweisprachigkeit und interkultureller Bildung der politischen Auseinandersetzung um die Zukunft der zweisprachigen Schule eine neue Qualit\u00e4t gab (vgl. Wakounig 2008, S. 306ff).<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Qualit\u00e4t des zweisprachigen Unterrichts <\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Erhaltung und Weiterentwicklung des Minderheitenschulwesens der letzten drei Jahrzehnte h\u00e4ngen mit sehr vielen Eigeninitiativen einzelner Personen zusammen. Entscheidende Verbesserungen und Erweiterungen der zweisprachigen Bildung sind fast ausschlie\u00dflich aus den Kooperationen zwischen Personen und Initiativen aus den beiden Volksgruppen sowie aus der Zusammenarbeit mit fachlichen und wissenschaftlichen Institutionen entstanden. Das bedeutet, dass gerade im Schul- und Bildungsbereich fachliche und moralische Solidarit\u00e4ten notwendig geworden sind. Man kann durchaus behaupten, dass im Gegensatz zu den fr\u00fcheren Jahrzehnten, als das Engagement f\u00fcr die slowenischsprachige Schulbildung fast ausschlie\u00dflich von den betroffenen Slowen\/innen aufgenommen und vorangetrieben wurde, gegenw\u00e4rtig aktuelle Fragen der zweisprachigen Bildung in einem offenen Diskurs mit Lehrer\/innen, Eltern, Schulbeh\u00f6rde, Wissenschaft und Bildungspolitik gel\u00f6st werden m\u00fcssen. Es ist anzunehmen, dass die slowenische Volksgruppe bei Fragen zweisprachiger Bildung nicht mehr jene Argumentationsmuster anwenden kann, die verwendet wurden, als sie mehr oder weniger auf sich selbst sowie auf das eigene Wissen, Engagement und die eigene \u00dcberzeugung angewiesen war. Die Erhaltung und die Entwicklungsperspektiven des zweisprachigen Unterrichts im Bereich des Minderheitenschulwesens m\u00fcssen ein \u00f6ffentliches Anliegen sein, das nur in einer fachlichen und bildungspolitischen Auseinandersetzung diskutiert und gel\u00f6st werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Meilensteine der letzten Jahrzehnte im Bereich der zweisprachigen Elementarbildung sind zweifelsohne die Verfassungsgerichtshoferkenntnisse aus den Jahren 1989 und 2000. Das erste Erkenntnis f\u00fchrte zur Gr\u00fcndung der \u00d6ffentlichen zweisprachigen Volksschule in Klagenfurt im Jahre 1990, mit dem zweiten Erkenntnis wurde der zweisprachige Unterricht auf alle vier Schulstufen der Volksschule ausgeweitet. Beide Male sind betroffene Eltern mit ihrer Klage beim H\u00f6chstgericht deshalb erfolgreich gewesen, weil sie sich auf eine solidarische Haltung und ein fundiertes Expert\/innenwissen von Angeh\u00f6rigen beider Volksgruppen verlassen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die derzeit gr\u00f6\u00dfte Herausforderung einer zweisprachigen Bildung im Bereich des Minderheitenschulwesens ist die Qualit\u00e4tssicherung des zweisprachigen Unterrichts. Auch diesbez\u00fcglich sind im Minderheitenschulwesen in K\u00e4rnten mit dem Modell des immersiven zweisprachigen Unterrichts (\u201eEine Woche Deutsch \u2013 eine Woche Slowenisch\u201c) innovative Schritte gesetzt worden. Ohne wissenschaftliche Kontakte und Recherchen in anderen L\u00e4ndern (wie Kanada, Luxemburg, Deutschland oder der Schweiz) nach Modellen qualitativ hoher zweisprachiger Erziehung w\u00fcrden jedoch solche Initiativen nicht entstehen. Erfahrungen aus dem immersiven zweisprachigen Modell, das an einigen zweisprachigen Volksschulen bzw. in zweisprachigen Klassen in K\u00e4rnten erfolgreich praktiziert wird, werden derzeit mit Unterst\u00fctzung des Bildungsministeriums auf das Minderheitenschulwesen im Burgenland \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h4><strong>Literatur<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Bahovec, Tina (Hrsg.): Eliten und Nationwerdung. Die Rolle der Eliten bei der Nationalisierung der K\u00e4rntner Slovenen. Hermagoras\/Mohorjeva: Klagenfurt\/Celovec 2003.<\/p>\n\n\n\n<p>Baumgartner, Gerhard: <a href=\"http:\/\/www.erinnern.at\/bundeslaender\/oesterreich\/e_bibliothek\/seminarbibliotheken-zentrale-seminare\/abbild-und-reflexion\/383_Baumgartner_Sprachgruppen%20und%20Mehrsprachigkeit%20im%20Burgenland.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Sprachgruppen und Mehrsprachigkeit im Burgenland (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Sprachgruppen und Mehrsprachigkeit im Burgenland<\/a>, (Zugriff am 22.2.2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Dirim, Inci: \u201eWenn man mit Akzent spricht, denken die Leute, dass man auch mit Akzent denkt oder so.\u201c Zur Frage des (Neo-)Linguizismus in den Diskursen \u00fcber die Sprache(n) der Migrationsgesellschaft. In: Mecheril, Paul u.a. (Hrsg.): Spannungsverh\u00e4ltnisse. Assimilationsdiskurse und interkulturell-p\u00e4dagogische Forschung. Waxmann: M\u00fcnster \u2013 New York 2010, S. 91\u2013111.<\/p>\n\n\n\n<p>Domej, Theodor: Das Minderheiten-Schulwesen in K\u00e4rnten: gestern, heute und morgen. In: Erziehung und Unterricht 2002, 9\u201310, S. 1242\u20131267.<\/p>\n\n\n\n<p>Haas, Hanns: Eindeutschung als oberstes Prinzip. In: H\u00e4nde weg von der zweisprachigen Schule. Engagierte Gegenschrift gegen eine provinzielle Verschw\u00f6rung. Herausgegeben vom Zentralverband slowenischer Organisationen und dem Rat der K\u00e4rntner Slowenen. Klagenfurt\/Celovec 1984, S. 19\u201334.<\/p>\n\n\n\n<p>Kolb, Jonas: Pr\u00e4senz durch Verschwinden. Sprache und Ethnizit\u00e4t in der Alltagspraxis junger K\u00e4rntner Slowen_innen. transcript: Bielefeld 2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Malle, Augustin: Die slowenischen Organisationen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben in der Ersten Republik. In: Das gemeinsame K\u00e4rnten \u2013 Skupna Koro\u0161ka. Dokumentation des deutsch-slowenischen Koordinationsausschusses der Di\u00f6zese Gurk. Hermagoras\/Mohorjeva: Klagenfurt\/Celovec 1991, S.127\u2013137.<\/p>\n\n\n\n<p>Neumann, Andreas: Sprachensterben in Europa \u2013 Rechtliche Ma\u00dfnahmen zur Erhaltung von Minderheitensprachen. Braum\u00fcller: Wien 2009.<\/p>\n\n\n\n<p>Pachner, Franz (unter Mitwirkung von Ludwig Flaschberger): Bemerkungen zur Situation der K\u00e4rntner Slowenen aus sozialwissenschaftlicher Sicht. In: \u00d6sterreichische Zeitschrift f\u00fcr Soziologie, 1977, H. 5, S. 36\u201353.<\/p>\n\n\n\n<p>Suppan, Arnold: Die \u00f6sterreichischen Volksgruppen. Tendenzen ihrer gesellschaftlichen Entwicklung im 20. Jahrhundert. R. Oldenbourg: M\u00fcnchen 1983.<\/p>\n\n\n\n<p>Wakounig, Vladimir: Die Illusion von der Gleichberechtigung. Beispiel: K\u00e4rntner Slowenen. In: Fortschrittliche Wissenschaft, 12, 1984, 63\u201384.<\/p>\n\n\n\n<p>Wakounig, Vladimir: Der heimliche Lehrplan der Minderheitenbildung. Die zweisprachige Schule in K\u00e4rnten 1945\u20132007. Drava: Klagenfurt\/Celovec 2008.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h4>Fu\u00dfnote<\/h4>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Das Minderheitenschulgesetz von 1959 sah f\u00fcr die Teilnahme der Kinder am zweisprachigen Unterricht eine explizite Anmeldung der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten vor.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><em><strong>Ao. Univ. Prof. Dr. Vladimir Wakounig<\/strong>, geb. in M\u00fcllnern\/Mlin\u010de, Matura am Bundesgymnasium f\u00fcr Slowenen in Klagenfurt, Studium der Theologie, Erziehungswissenschaft und Publizistik, langj\u00e4hriger Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universit\u00e4t Klagenfurt\/Celovec; Forschungsschwerpunkte: Zwei- und mehrsprachige Schulbildung, Minderheiten und Bildungssysteme sowie Interkulturelle Bildung. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber \u00f6sterreichische Minderheitenpolitik bzw. Volksgruppenpolitik zu schreiben, macht sehr bald deutlich, wie unterschiedlich sich die Auswirkungen der politischen Praxis bei den jeweiligen Volksgruppen zeigen und wie unterschiedlich sich diese gegen\u00fcber der Politik der Herrschenden artikulieren. 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