Homosexuellenbewegung

Andreas Brunner:

Eine Frage der Menschenrechte: Zur Geschichte der Homosexuellenbewegung in Österreich

„Du aber seist mir gepriesen, o Österreich!“, rief der deutsche Jurist Karl Heinrich Ulrichs 1868 in einer seiner Schriften über die „mannmännliche Liebe“ aus. Er hatte gerade erfahren, dass der österreichische Justizminister den Entwurf eines neuen Strafrechts vorgelegt hatte, der die strafrechtliche Verfolgung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen abschaffte. Doch Ulrichs freute sich viel zu früh! Der Entwurf wurde vom Reichsrat nie beschlossen und es sollte bis 1971 dauern, dass das sogenannte Totalverbot homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen straffrei gestellt wurde.

Kaiser Franz Joseph I. hatte 1852 ein neues Strafrecht erlassen, das für den Tatbestand der „Unzucht wider die Natur“ eine Strafe von ein bis fünf Jahren schweren Kerkers vorsah. Auch wenn diese drakonische Strafe im Falle einer Erstverurteilung kaum ausgeschöpft und das richterliche Milderungsrecht meist großzügig angewandt wurde, zerstörte der § 129 Ib in den fast 120 Jahren seiner Gültigkeit zehntausende Existenzen, trieb Männer* und Frauen* in den Selbstmord oder bildete die rechtliche Basis für die Verschleppung und Ermordung von Homosexuellen in nationalsozialistische Konzentrationslagern. Durch die geschlechtsneutrale Formulierung des Paragrafen war auch die strafrechtliche Verfolgung weiblicher Homosexualität möglich – eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Ländern, die nur männliche Homosexualität verfolgten. Ein Vergleich von europäischen Kriminalstatistiken zeigt überdies, dass in Österreich die Verfolgungsintensität von der Monarchie bis in die Zweite Republik am höchsten war.

Der Arzt Magnus Hirschfeld machte sich 1897 mit der Gründung des Wissenschaftlich Humanitären Komitees (WHK) in Berlin zum Wortführer der ersten (männlich dominierten) Homosexuellenbewegung, die auch in Österreich für die Abschaffung der strafrechtlichen Verfolgung warb. Hirschfeld fand dabei in Wien (selbst wenn sie seinen wissenschaftlichen Thesen teilweise kritisch gegenüberstanden) bedeutende Fürsprecher wie Sigmund Freud oder Karl Kraus. Der Versuch, in Wien eine eigenständige, selbstbewusste von Homosexuellen getragene Bewegung wie in Berlin zu etablieren, scheiterte allerdings. Eine für 1907 angekündigte Gründung einer Wiener Dependance des WHK ging über die Ankündigung offenbar nicht hinaus. Eine Selbstorganisation lesbischer Frauen ist ebenso wenig nachweisbar.

In der Ersten Republik versuchte der Bund für Menschenrecht, eine Dachorganisation von in ganz Deutschland existierenden Gruppen des Deutschen Freundschaftsverbands, auch in Wien Fuß zu fassen. In der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Blätter für Menschenrecht“ wurde auch die Gründung einer Wiener Gruppe angekündigt, die ihr Vereinslokal im Café Künstlerstübel in der Lederergasse betrieb. Wie aktiv diese etwas mehr als ein Jahr lang bestehende Gruppe war, ob sie politische Aktionen plante oder nur ein Geselligkeitsverein war, lässt sich heute nicht mehr sagen, da sie keine bislang auffindbaren Spuren hinterließ. Der Versuch, wenige Jahre später eine österreichische Landessektion des „Bunds für Menschenrecht“ zu gründen, wurde von den Behörden untersagt, weil aus dem in den Statuten festgelegten Vereinszweck hervorging, dass „der Zusammenschluß unter den Vereinsmitgliedern auf dem gemeinsamen Interesse für Verirrungen des menschlichen Geschlechtslebens beruht, die zu den gemäß § 129 Ib, St.G., verbotenen Handlungen gehören“.

Im Mai 1930 reichte der angesehene Wiener Anwalt Dr. Otto Ekstein beim Justizminister einen „Appell an den Strafrechtsausschuss des Nationalrates wegen Aufhebung des § 129 Ib“ ein. Dem Schreiben beigelegt wurden eine mehrseitige Begründung und eine Liste mit den Unterschriften von 63 Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur, die dieses Anliegen unterstützten. Nicht nur Künstler*innen und Persönlichkeiten des intellektuellen Lebens der Stadt wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig und Franz Werfel, die Kammersängerin Rosa Papier-Baumgartner und ihr Kollege Leo Slezak, Sigmund Freud oder der Philosoph Moritz Schlick haben unterschrieben, es ist auch eine Nähe zur Österreichischen Liga für Menschenrechte, der ältesten Menschenrechts-NGO Österreichs, feststellbar. Etwa ein Drittel der Unterzeichner*innen standen mit der Liga in Verbindung, allen voran ihr Präsident Adolf Vetter, die Schriftstellerin Rosa Mayreder, der Kunsthistoriker Hans Tietze oder der Schriftsteller Ernst Lothar.

Im Gegensatz zum WHK Hirschfelds und dem Bund für Menschenrecht, die unterstützt von Erkenntnissen der sexualwissenschaftlichen Forschung emanzipatorisch agierten, argumentierte die hinter der Ekstein-Petition stehende Gruppe aus Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft auf Basis eines umfassenden Verständnisses der Menschenrechte. So hieß es in der Petition: „Der Strafparagraph stellt eine äusserste Verletzung der Menschenrechte dar, weil er den Homosexuellen verwehrt, über ihre Sexualität zu verfügen, trotzdem keinerlei Rechtsgut verletzt wird.“ In der Literatur über das internationale Menschenrechtsregime ist es eine weitverbreite Darstellung, dass die sexuelle Orientierung und Selbstbestimmung erst in der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre in den Katalog der Menschenrechte aufgenommen wurden, nachdem LGBTI*-Organisationen jahrelang für eine Anerkennung gekämpft hatten. In diesem Lichte betrachtet war die Ekstein-Petition wegweisend. Es gelang den Unterstützer*innen der Petition auch, ihren Appell in die Öffentlichkeit zu bringen. Eine weiterführende Diskussion über sie gab es aber nicht, der Rechtsruck in Politik und Gesellschaft verhinderte dies. So erscheint die Ekstein-Petition wie ein letztes Aufflackern der vom Geist der Menschenrechte getragenen Humanität vor dem Sieg der Barbarei.

Im KZ Mauthausen wurde 1984 die erste Tafel weltweit enthüllt, die an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus erinnert
© HOSI Wien

Unter austrofaschistischem und nationalsozialistischem Regime war Selbstorganisation kaum möglich, unter den Nazis schnellten die Verhaftungszahlen nach oben, den Beschuldigten drohten lange Haftstrafen und KZ. Eine schwule bzw. lesbische Subkultur, wie sie in Wien seit der Jahrhundertwende nachweisbar ist, hielt sich jedoch über all die Jahre. Selbst in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur gab es eine kleine, verborgene Lokalszene. Die Möglichkeiten zur Selbstorganisation blieben bis in die 1960er-Jahre sehr beschränkt. Lesbische Frauen engagierten sich oft innerhalb der Frauen*Bewegung für allgemeine feministische Ziele und standen dabei nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung in der Öffentlichkeit. Homosexuelle Männer, deren sexuelle Orientierung bekannt wurde, mussten auch in den Nachkriegsjahren nicht nur das Gefängnis fürchten, denn in einem Klima der Prüderie, getragen von einem von konservativer Seite betriebenen Kampf gegen „Schmutz und Schund“, war ein öffentliches Eintreten für die eigene Sache auch gesellschaftlich geächtet. Als einzige Organisation setzte sich ab den späten 1940er-Jahren wiederum die Österreichische Liga für Menschenrechte nachweisbar für die Abschaffung der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer* und Frauen* ein. Aber selbst nachdem eine auch mit konservativen Experten besetzte Kommission zur Reform des Strafrechts 1957 die Abschaffung des Totalverbots empfohlen hatte, scheiterte die Umsetzung am nachhaltigen Widerstand der ÖVP. Erst Justizminister Christian Broda sollte 1971 unter SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky die Reformvorschläge von 1957 umsetzen.

Noch vor den strafrechtlichen Reformen hatte sich 1963 der „Verband für freie Mutterschaft und sexuelle Gleichberechtigung“ gegründet, der sich für das Recht auf Abtreibung und die Befreiung der Homosexuellen einsetzte. Die Verbindung von feministischen Forderungen wie dem Recht auf Abtreibung mit jenen nach sexueller Selbstbestimmung von Lesben und Schwulen sollte eine breite Allianz schaffen, die jedoch bald zerbrach, nachdem der Verband von Medien als „Sexpartei“ denunziert wurde. Mit der sogenannten „Kleinen Strafrechtsreform“ 1971 wurde zwar das Totalverbot homosexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen aufgehoben, aber auch vier neue Strafrechtsparagrafen eingeführt, die die Entwicklung der Lesben- und Schwulenbewegung hemmten. Neben § 209, der ein Mindestalter von achtzehn Jahren für männliche homosexuelle Beziehungen festlegte (für heterosexuelle und lesbische lag es bei vierzehn), und einem Verbot männlicher homosexueller Prostitution (§ 210) waren es die §§ 220 und 221, die Werbung für „Unzucht mit Personen desselben Geschlechts“ und Verbindungen zu deren Begünstigung verfolgten. Die Gründung von Vereinen, die sich öffentlich für die Rechte von Lesben und Schwulen einsetzten, schien damit unmöglich.

Hüllenlos wurden beim Neujahrskonzert 1982 „Menschenrechte für Schwule“ gefordert.
© HOSI Wien

Bevor eine Gruppe engagierter Männer 1979 die Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien auf Vereinsbasis gründen konnte (eine Expertise von Justizminister Christian Broda über die Auslegung von § 221 machte das möglich), sammelten sich schwule Männer ab 1975 in der informellen Gruppe Coming Out (CO) und lesbische Frauen ab 1976 in der autonomen Frauenbewegung innerhalb der AUF (Aktion Unabhängiger Frauen) in einer eigenen Lesbengruppe. Vom Anspruch her emanzipatorisch, links und antipatriarchal, gab es zwischen bewegten Lesben und Schwulen durchaus eine große ideologische Schnittmenge, die Zusammenarbeit in einer gemeinsamen Bewegung war aber von Anfang an nicht selbstverständlich. In Deutschland, wo die Schwulenbewegung seit den frühen 1970er-Jahren aktiv war und wohin die bewegten österreichischen Schwulen blickten, gab es eine konfliktreiche Beziehung zur Lesbenbewegung, die dazu führte, dass sich kooperative Projekte erst spät entwickelten.

In Österreich entstand zwar auch ein autonomer Strang der Frauen*Lesben*Mädchen-Bewegung, die im 1977 gegründeten Frauencafé einen zentralen Ort fand und die sich auf den ab 1980 regelmäßig stattfindenden österreichischen Lesbentreffen organisierte. Seit 1981 war auch das Frauen*Lesben*Mädchenzentrum mit dem FZ-Beisl im WUK ein fixer Bestandteil der autonomen, heute queer-feministischen Szene. Im Gegensatz zu Deutschland entwickelte sich in Wien aber bald eine enge institutionelle Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen. Schon im Jahr nach der Gründung der HOSI Wien, die später auch eine Reihe von vergleichbaren Vereinsgründungen in den Bundesländern inspirierte, bildete sich innerhalb der HOSI eine Lesbengruppe, die eine paritätische Besetzung des Vorstands und entsprechende Repräsentanz im Außenauftritt der HOSI erkämpfte.

Die besetzte Rosa Lila Villa vor der Sanierung, ca. 1985
© Zentrum QWIEN

Etwa zur selben Zeit besetzten in Wien 1982 einige Lesben und Schwule an der Linken Wienzeile ein zum Abbruch vorgesehenes Haus, das der Stadt Wien gehörte. Die Rosa Lila Villa war als Teil der in den frühen 1980er-Jahren sehr aktiven Hausbesetzer*innen-Szene geboren, neben Wohnraum wurde ein Beratungs- und Kommunikationszentrum, das „Warme Nest“, eingerichtet. Die Stadt Wien konnte in Person der zuständigen Stadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner überzeugt werden, dem Trägerverein der Villa das Baurecht für das Gebäude zu übertragen, womit die Generalsanierung des Hauses 1987 möglich wurde. Was sich heute als Erfolgsgeschichte liest – sowohl die HOSI als auch die RLV sind heute noch aktive und zentrale Orte der queeren Community Wiens –, war eine von vielen Diskussionen, Konflikten und Abspaltungen geprägte Geschichte, doch fanden sich immer wieder Kompromisse und Schnittmengen, die einen gemeinsamen Weg möglich machten.

Dabei fungierte das Auftreten von HIV/Aids, das ab 1983 auch in Österreich für Verängstigung und zum Teil panikartige Reaktionen und Medienberichte sorgte, schon bald als Bindemittel. Sorge und Trauer über den Aids-Tod befreundeter schwuler Männer verstärkte die Solidarisierung lesbischer Frauen, die Krise beförderte Einigkeit. Andererseits führte HIV/Aids zu einer verstärkten Sichtbarkeit schwuler Lebensweisen in der Öffentlichkeit, was lesbische Frauen zu recht beklagten, da sie als Frauen und Lesben erneut in die Unsichtbarkeit und in die Rolle der Fürsorgenden gedrängt wurden. Im Zusammenhang mit HIV/Aids wurde die rechtliche Absicherung der Beziehungen gleichgeschlechtlicher Paare immer drängender. Selbst Paare, die langjährige Beziehungen führten, waren im Krankheits- oder Todesfall rechtlich keine Partner*innen und damit nicht entscheidungsbefugt.

Weder für feministische Lesben noch für hedonistische Schwule war die Ehe ein erstrebenswerter Lebensentwurf, aber aus Trauer und Verzweiflung geboren wurde die Forderung nach rechtlicher Anerkennung von Beziehungen bis zur vollkommenen Angleichung mit der heterosexuellen Ehe zu einem der wichtigsten Kampfgebiete der Lesben- und Schwulenbewegung, die sich im Laufe der 1990er-Jahre immer weiter differenzierte. Neben Vereinen wie dem Rechtskomitee Lamdba, mit dessen Unterstützung viele entscheidende rechtliche Änderungen zugunsten von LGBTI bei den Höchstgerichten erkämpft werden konnten, traten überparteiliche Verbände wie das ÖLSF (Österreichisches Lesben- und Schwulenforum), Interessenverbände wie die agpro (Austrian Gay Professionals) und die Queer Business Women und Parteiorganisationen von den Grünen andersrum über die SoHo (Sozialdemokratie und Homosexualität) bis zu anders lieben des kurzlebigen Liberalen Forums.

Die Regenbogen Parade: Der erste LesBiSchwule und Transgender Festzug Österreichs, 1996
© Zentrum QWIEN

Ab Mitte der 1990er-Jahre kam es auch zu einer erhöhten Sichtbarkeit von Trans*Personen und ihren Anliegen in der Community. So hieß die erste Regenbogenparade 1996 im Untertitel „Erster LesBiSchwuler und Transgender Festzug Österreichs“. Die auch Christopher-Street-Day-Paraden genannten Demonstrationen erinnern an die Stonewall Riots, die Ende Juni 1969 in New York zum Gründungsereignis der neuen Lesben- und Schwulenbewegung geworden waren. In der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street wehrten sich einige Lesben, Schwule und Trans*Personen gegen eine der üblichen Razzien und lieferten sich in der Folge tagelange Straßenkämpfe mit der Polizei. In Erinnerung an diesen Aufstand wurde bereits im Jahr darauf von einer selbstbewusster werdenden Bewegung der erste Christopher Street Day veranstaltet, der auch bald in Europa gefeiert wurde. Im Gegensatz zur deutschen Schwulenbewegung hatte dieser aber für österreichische Lesben- und Schwulengruppen vorerst wenig Bedeutung. Erst im Zuge einer Internationalisierung der Bewegung im Laufe der 1990er-Jahre gewann die Idee einer großen Demonstration mit Partycharakter auch in Wien Anhänger*innen.

Im akademischen Diskurs begannen ab Mitte der 1990er-Jahre die Gender Studies und Queer Studies heteronormative Geschlechtsnormen zu hinterfragen. Queer wurde zum Kampfbegriff gegen eine hegemoniale Geschlechterordnung, wobei auch die gerade erst mühsam erkämpften Selbstbezeichnungen „Lesbe“ und „Schwuler“ in Frage gestellt wurden. Die Allianzen erweiterten sich, zunächst um Trans*Personen und Intersexuelle zum Akronym LGBTI (Lesbian Gay Bi Trans Inter), dann aber auch ergänzt durch Q für Queer oder den Genderstern * für alle sich nicht eindeutig Definierenden. Gleichzeitig begann sich die Community zu differenzieren. So vertritt die LMC Vienna (Leather & Motorbike Community) schwule Fetischmänner, während Vereine wie die HuG (Homosexualität und Glaube) sich mit spirituellen Fragen auseinandersetzen. Eine Reihe von Gruppen hinterfragen normierte Beziehungsmodelle oder Körperbilder, sie diskutieren Konzepte von Polyamorie, von Beziehungsformen jenseits herkömmlicher Zweierbeziehungen und Gendergrenzen. Oder sie thematisieren die Situation queerer Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie alle zeigen die Vielfalt queeren Lebens genauso wie FAmOS, ein Verein, der das erste Regenbogenfamilienzentrum Österreichs betreibt. Bei MiGay haben sich queere Migrant*innen organisiert, die Queer Base unterstützt queere Flüchtlinge bei ihren Asylverfahren und der Bewältigung des Alltags in einer fremden, neuen Heimat.

„Dürfen die Protagonist*innen der LGBTI*-Bewegung angesichts der „Ehe für alle“ und der Option für ein drittes Geschlecht ab Anfang 2019, die der Verfassungsgerichtshof den Weg ebnete, über ihren Erfolg jubeln?“ Es gibt zwar noch rechtliche Ungleichheiten wie etwa im Antidiskriminierungsrecht, für die es sich zu kämpfen lohnt, aber die LGBTI*-Bewegung in Österreich darf auf eine erfolgreiche Geschichte zurückblicken: In 50 Jahren vom Totalverbot zu einer im Wesentlichen rechtlichen Gleichstellung ist allerdings eine Bilanz, auf der sich die Community nicht ausruhen darf, auch wenn Umfragen zeigen, dass LGBTI* auch in der Bevölkerung mehrheitlich auf Akzeptanz stoßen. Gleichzeitig macht die populistische Rechte gegen den „Genderwahn“ und die Anerkennung von nicht heteronormativen Lebensweisen (etwa in den Lehrplänen der Schulen) mobil, ist „schwul“ nach wie vor das häufigste Schimpfwort auf unseren Schulhöfen und die Selbstmordrate unter LGTBI*-Jugendlichen am höchsten. Gewalttätige Übergriffe und strukturelle Gewalt durch Hasspostings in den Sozialen Medien nehmen zu.

Wie umgehen mit diesem bedrohlichen, auch durch internationale Entwicklungen verstärkten Backlash? Dazu wird es notwendig sein, bei aller Vielfalt innerhalb der LGBTI*-Community geeint für gemeinsame Ziele einzutreten. Dabei müssen wir auch lernen, uns den Ausschlusstendenzen innerhalb der Bewegung zu stellen, dem Umgang mit Beeinträchtigungen, mit Menschen, die nicht den Körpernormen des Mainstreams entsprechen, mit LGBTI*-Migrant*innen und -flüchtlingen. 1930 erklärte die Ekstein-Petition die sexuelle Selbstbestimmung zu einem Menschenrecht. Heute müssen wir die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zur Maxime unseres Handelns machen und diese mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln vor ihren Feinden verteidigen. Nur dann werden wir auch die Erfolge der LGBTI*-Bewegung absichern und ausbauen können.

Timeline zur LGBT-Bewegung

  • Am 16. August 1971 wird das sogenannte Totalverbot – der seit 1852 geltende § 129 Ib, der einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Personen desselben Geschlechts verfolgte – abgeschafft. In vier neuen Strafrechtsparagrafen wird ein höheres Mindestalter für männliche homosexuelle Beziehungen mit 18 Jahren festgelegt (§ 209), männliche gleichgeschlechtliche Prostitution verboten (§ 210) sowie Werbung (§ 220) und die Gründung von „Verbindungen zur Begünstigung gleichgeschlechtlicher Unzucht“ (§ 221) untersagt.
  • 1975 In der informellen Gruppe Coming Out (CO) finden sich engagierte schwule Männer zusammen, um den Kampf für Emanzipation und Gleichberechtigung und gegen die weitere strafrechtliche Verfolgung aufzunehmen.
  • 1976 Innerhalb der Aktion Unabhängiger Frauen (AUF) gründet sich eine Autonome Lesbengruppen, die auch gegen Widerstände in der Frauenbewegung zu kämpfen hat.
  • 1977 Gründung der Frauenbuchhandlung in Wien, die bis zu ihrer Schließung 2007 auch ein wichtiges Kommunikationszentrum der Lesbenbewegung ist.
  • 1979 Durch eine Expertise von Justizminister Christian Broda (SPÖ) zur Auslegung des Vereinsparagrafen 221 wird die Gründung der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien möglich. Anfangs nur von Männern betrieben, engagieren sich bald auch lesbische Frauen und machen die HOSI zur ersten lesbisch-schwulen NGO Österreichs.
  • 1980 Im Amerlinghaus findet Anfang Juni 1980 das erste österreichische Lesbentreffen statt, das zu einer intensiveren Vernetzung von Frauen*Lesben-Initiativen und einer verstärkten Sichtbarkeit lesbischer Lebensweisen führen sollte.
  • 1980 Bei den Alternativen Festwochen kommt es zum Eklat, als auf Betreiben der Gemeinde Wien nach Beschwerden ein Informationsstand der HOSI Wien abgerissen wird. Alle an den Festwochen beteiligten Gruppen solidarisieren sich mit der HOSI und veröffentlichen ein „Manifest für eine neue Liebesunordnung“.
  • 1982 Das Jahr beginnt mit einem Knalleffekt. Zwei Aktivisten der Homosexuellenbewegung stürmen nackt die Bühne des Neujahrskonzerts und fordern auf einem Transparent „Menschenrechte für Schwule“.
  • 1982 Lesben und Schwule aus der alternativen Szene besetzen ein leerstehendes Haus an der Linken Wienzeile. Die Rosa Lila Villa (heute Türkis Rosa Lila Villa), die bis heute das Stadtbild prägt, ist geboren.
  • 1983 „Gloria: PoPolitik ist mehr“ – Erstmals kandidiert ein offen schwuler Kandidat bei einer Nationalratswahl. Unter seiner Drag-Identität Gloria kandidiert Rudi Katzer, Mitbegründer der Rosa Lila Villa, allerdings vergeblich für die „Alternative Liste“. Sie scheitert an der 5%-Hürde.
  • 1983 Mit dem Stichwort eröffnet das bis heute aktive Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung.
  • 1984 Die Homosexuellen Initiativen Österreichs enthüllen im Konzentrationslager Mauthausen das erste Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus weltweit.
  • 1988 Erstmals findet am Institut für Psychologie der Universität Wien eine Lehrveranstaltung statt, die das Wort „Homosexualität“ im Titel trägt.
  • 1989 Im Zuge der Aids-Krise wird auch die Absicherung gleichgeschlechtlicher Beziehungen neu diskutiert. Mit einer öffentlichkeitswirksamen Hochzeit auf dem Stephansplatz werden Forderungen nach der rechtlichen Anerkennung von homosexuellen Beziehungen untermauert.
  • 1993 Auch wenn das HI-Virus nicht nur schwule Männer betrifft, ist der erste Life Ball im Wiener Rathaus ein Charity-Event, das zu einem hohen Maß von der schwulen Community getragen wird. Heute zählt der Life Ball zu den weltweit größten und medienwirksamsten Veranstaltungen, die auf HIV/Aids aufmerksam machen.
  • 1995 Mit der Gründung des Vereins TransX organisieren sich erstmals transsexuelle und transidente Menschen, um für mehr Sichtbarkeit und die Abschaffung diskriminierender gesetzlicher Regelungen zu kämpfen.
  • 1996 Mit 25.000 Besucher*innen ist die Regenbogenparade, der erste LesBiSchwule und Transgender-Festzug Österreichs, ein voller Erfolg. Beim ersten Mal geht es allerdings noch vom Schwarzenbergplatz bis zur Universität in Fahrtrichtung um den Ring.
  • 1998 Die Stadt Wien bekennt sich zu einer lesben- und schwulenfreundlichen Politik und gründet die „Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen“.
  • 2001 Europäische Pride-Organisationen vergeben jährlich das Label Europride an eine andere Stadt. 2001 ist Europride zum ersten Mal in Wien zu Gast. 2019 wird Europride erneut in Wien stattfinden.
  • 2001 Mit der Ausstellung „Aus dem Leben“ auf dem Heldenplatz wird erstmal das Leid homosexueller NS-Opfer in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert. In der Nacht vor der Eröffnung werden die Ausstellungssäulen von Vandalen schwer beschädigt.
  • 2003 Mit der Abschaffung von § 209 fällt die letzte strafrechtliche Bestimmung gegen männliche Homosexuelle in Österreich.
  • 2005 Mit über 700 Objekten zeigt die Ausstellung „Geheimsache: Leben. Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts“, wie vielfältig die unentdeckten und verschwiegenen Aspekte der queeren Geschichte der Stadt waren.
  • 2005 Zu spät für viele Opfer erfolgt 2005 die Anerkennung Homosexueller als Opfer des Nationalsozialismus.
  • 2008 Auch die Universität Wien zeigt Flagge und solidarisiert sich mit jährlich rund um Pride stattfindenden Regenbogenführungen durch die Universität Wien und dem Hissen der Regenbogenfahne.
  • 2009 Mit der Eröffnung von QWIEN – Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte (seit 2019 Zentrum für queere Geschichte) gibt es auch in Wien ein Archiv und eine Forschungsstelle für eine inklusive Erforschung der queeren Geschichte.
  • Seit 1. Jänner 2010 ist es homosexuellen Paaren möglich, sich in einer Eingetragenen Partner*innenschaft zu registrieren. Es bestehen anfangs über 60 Unterschiede zur traditionellen Ehe, so führen gleichgeschlechtliche Paare offiziell keinen „Familiennamen“, sondern einen „Nachnamen“.
  • 2017 Die rechtliche Anerkennung von Regenbogenfamilien war und ist politisch umkämpft.
    In Wien gibt es mit dem RegenbogenFamilienZentrum endlich eine Anlaufstelle für diese.
  • „2019 Einem Urteil des Verfassungsgerichtshofs folgend wird ab 1. Jänner 2019 gegen den Widerstand der Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ die „Ehe für alle“ eingeführt. Ebenfalls mit 1. Jänner 2019 erlaubt, ist der Eintrag einer dritten Geschlechtsoption als „divers“. Der Erlass zur Umsetzung durch das Innenministerium pathologisiert die Betroffen aber erneut.“

Andreas Brunner ist seit den späten 1980er-Jahren in der queeren Bewegung Wiens aktiv, zuerst in der Rosa Lila Villa, später Gründungsbuchhändler der Buchhandlung Löwenherz, Mitbegründer der Regenbogenparade und Co-Leiter von QWIEN – Zentrum für queere Geschichte. Als Austria Guide ist er spezialisiert auf queere Stadtspaziergänge, als Ausstellungskurator mitverantwortlich für die Ausstellung „Geheimsache : Leben“ (2005) und „Sex in Wien“ (2016). Zahlreiche Publikationen zur queeren Geschichte.