Lesbenbewegung

Margit Hauser unter Mitarbeit von Birge Krondorfer:

Kleine Geschichte der FrauenLesbenbewegung in Österreich.

Lesbenbewegte Aktivitäten finden sich in Österreich, anders als in der BRD, wo es eine dezidierte Lesbenbewegung gab/gibt, vor allem im Rahmen lesbisch-feministischer, aber auch lesbisch-schwuler Bewegungen. Dieser Beitrag macht lesbische Politiken innerhalb dieser Bewegungen beispielhaft sichtbar und greift in erster Linie auf Originalquellen im STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung (Wien) zurück.

„Bitte nach den Lesben fragen!“[1] – erste Lebenszeichen:

Mit der Gründung der ersten autonomen Frauengruppe, der Aktion Unabhängiger Frauen – AUF, im November 1972 lässt sich der Beginn der Neuen Frauenbewegung in Österreich ansetzen. Ab Juni 1974 hatte die AUF ein eigenes Lokal, das Frauenzentrum, in der Tendlergasse im 9. Bezirk in Wien, von wo aus später viele Fraueninitiativen – vom ersten Frauenhaus über den Notruf, Buchhandlung und Café bis zum Wiener Frauenverlag –ihren Ausgangspunkt nahmen.

In der von ihr herausgegebenen Zeitschrift AUF. Eine Frauenzeitschrift (1974 bis 2011) findet erstmals eine Thematisierung von Lesben in der Frauenbewegung statt: Der mit Sappho gezeichnete Artikel Die Lesbe, das Monster in der AUF Nr. 7/1976 thematisierte den ignorierten wie problematisierten Status lesbischer Frauen in der Bewegung. Als Diskussionspapier verfasst, spiegelte er die nach Gründung der Lesbengruppe spätestens ab Frühjahr 1976 aufbrechenden heftigen Auseinandersetzungen im Frauenzentrum wider. Teilweise stieß die eigenständige Organisierung von Lesben auf Ablehnung. Im Mai 1977 folgte der Aufruf zum Aufbau eines Lesbenzentrums.[2]

„(Ü)ber den dunklen Gang geradeaus, noch durch einen dunklen Raum – und endlich da!“, so lautete die Wegbeschreibung zur ersten Lesbengruppe Wiens.[3] Sie nannte sich auch Lesbengruppe Labris,[4] nach dem gebräuchlichen, lesbisch-feministischen Symbol der Doppelaxt. Es gab in der Folge immer wieder eine autonome Lesbengruppe; sie traf sich wöchentlich in der Tendlergasse, später auch an anderen Frauenorten und in Privatwohnungen. Es war die erste Möglichkeit, über die eigene Lebenssituation zu reflektieren. Politisches Handeln stand von Anfang an auf der Agenda, so protestierte sie gegen die Darstellung lesbischer Frauen in der ORF-Diskussionssendung Club 2.[5]

Ab 1978 entstanden Pläne für ein neues Frauenkommunikationszentrum in der Währinger Straße (eröffnet 1981, später auch Frauenzentrum – FZ, heute FrauenLesbenMigrantinnenZentrum), in denen von Anfang an auch ein Raum als Lesbenzentrum vorgesehen war. Aktivitäten der – immer wieder neu entstehenden – Lesbengruppe im FZ wie die Lesbentage in Wien im November 1989 sind jedoch erst Jahre später dokumentiert.[6]

Im November 1981 gründeten sechs Frauen die HOSI-Lesbengruppe in der seit 1979 bestehenden und bis dahin ausschließlich schwulen Homosexuellen Initiative.[7] Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März 1982 thematisierte die HOSI-Lesbengruppe im Flugblatt „Lesben unter dem Diktat der Heterosexualität“ die Diskriminierung von Lesben und forderte ein Ende der negativen Darstellung in der Öffentlichkeit und aller Formen der Benachteiligung. Mit einem Flugblatt mit Aufruf zum „Lesbenblock am 1. Mai“ bei der Mai-Kundgebung 1982 machten sie sich erstmals bei einer politischen Kundgebung sichtbar.

Bild 1: Erstes Lesbentransparent bei der Kundgebung zum Internationalen Frauentag 1980 in Wien. Foto: Eva Dité[8]

Internationales I:

Bereits im Oktober 1973 oder 1974 erreichte die AUF ein kurzer Brief der Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin – HAW mit der interessierten Nachfrage „ob es in österreich homosexuelle frauengruppen gibt“ und „wie lesbische frauen bei euch leben“.[9] Ein Hinweis auf die Rezeption deutscher Lesben-Hetera-Konflikte taucht im Mai 1976 mitten in der Diskussion um Lesben und Heteras in der Frauenbewegung auf, nämlich, „ob wir nicht – von Gerüchten und Erfahrungen mit deutschen Gruppen her – uns einfangen haben lassen in eine Stimmung, die Lesben und Hetero Frauen gegeneinander ausspielt und künstlich eine Distanz schafft“. Nachsatz: „Wir müssen die Situation vorurteilsfrei sehen.“[10] Dennoch blicken die Österreicherinnen immer wieder mit einem gewissen Neid auf die vielfältige und große Lesbenbewegung in der BRD, ihre Aktivitäten und Orte.[11]

Seit 1972 findet auf der süddänischen Insel Femø ein jährliches Treffen der dänischen Frauenbewegung statt, seit 1974 gibt es auch eine internationale Woche, die große Bedeutung als Treffpunkt für Frauen aus vielen Ländern hat. Ab 1975 nahmen immer wieder auch Frauen der AUF an der internationalen Woche teil; in diesem Jahr fand, nachdem Lesben bereits in den zwei Jahren davor Thema waren, erstmals ein eigenes Lesbenlager“ auf Femø statt. Es ist nicht bekannt, ob daran auch Österreicherinnen teilnahmen. Dieses Lesbentreffen verlagerte sich ab ca. 1977 auf die Nachbarinsel Sejerø, Spuren im Archiv legen nahe, dass auch Österreicherinnen dabei waren.[12] Eine im Frauen-Info der AUF abgedruckte Information der dänischen Lesbenbewegung von Dezember 1978[13] zur Planung eines internationalen Lesbenseminars zeigt die Einbindung der AUF in den europäischen Verteiler.

Die österreichischen Lesbentreffen und schwul-lesbische Vernetzung

Ein erstes großes Treffen lesbischer Frauen fand im Juni 1980 im Kulturzentrum Amerlinghaus in Wien statt. Organisiert hatten es Lesben aus dem Frauenzentrum (AUF) und dem Frauencafé.[14] Das Ankündigungsplakat unter Verwendung eines Fotos von Krista Beinstein ist ebenso im Gedächtnis der Bewegung geblieben wie die Bedeutung dieses Ereignisses als erster Aufbruch. Themen waren, nicht überraschend, unter anderem „Lesben in der Frauenbewegung“ und „Gesetzeslage im In- und Ausland“.[15]

Von 13. bis 19. Juni 1983 fanden die Schwulen- und Lesbentage an den Wiener Universitäten statt, organisiert vom Kulturreferat der ÖH der Angewandten, den HOSI-Lesben und dem Rosa-Lila-Tip. Das Uni-Frauenzentrum beteiligte sich mit einer Lesung „Von Frau zu Frau“, an der wiederum auch HOSI-Aktivistinnen mitwirkten, und die Pädagogin Ilse Kokula aus Berlin referierte über Lesben in ländlichen Gebieten.[16]

Bild 2: Schwulen- und Lesbentage 1983

Im September 1983 fand, wieder im Amerlinghaus, das Zweite Österreichische Lesbentreffen (auch als Lesbenkongress bezeichnet) statt, organisiert von der HOSI-Lesbengruppe gemeinsam mit den Lesben der Rosa Lila Villa (besetzt/gegründet 1982, heute Türkis Rosa Lila Villa). Es folgten weitere jährliche Lesbentreffen, die meist in der Rosa Lila Villa oder im Frauenkommunikationszentrum stattfanden. Mit den Schwerpunktsetzungen „Lesbenalltag, Lesbenstrukturen“ (1989) und „Lesbenkultur“ (1991) tauchen gängige Begrifflichkeiten der Zeit auf. Das Lesbentreffen 1991 war das letzte in diesem Format; ein Organisierungsversuch für ein neuerliches, diesmal Transpersonen inkludierendes Treffen 2007 wurde letztendlich nicht umgesetzt. Dokumentiert und diskutiert wurden die österreichischen Lesbentreffen im Lesbenrundbrief, der in 13 Heften von 1983 bis 1993 abwechselnd von verschiedenen Lesbengruppen veröffentlicht wurde und Themen und Diskussionen der Bewegung abbildet, von Aids und Tschernobyl über interne Strukturen der Frauen- bzw. Lesbenbewegung bis zum Politischen lesbischer Beziehungen und Sexualitäten.

Bereits Anfang der achtziger Jahre, am 26. Juni 1982, fand die erste kleine Gay-Pride-Parade in Wien statt. Lesben und Schwule marschierten vom Amerlinghaus zum Maria-Theresien-Denkmal am Ring.[17] Am 4. und 5. Juni 1983 fand das erste gesamtösterreichische Schwulen- und Lesbentreffen in Linz statt. Die HOSI-Lesben aus Wien trafen dabei auf die Linzer und Salzburger HOSI-Lesbengruppen. Und von 6. bis 8. Jänner 1984 tagte dann der erste gesamtösterreichische Schwulen- und Lesbenkongress in der Rosa Lila Villa. 1984 war das International Year of Lesbian and Gay Action, proklamiert von der International Gay Association – IGA (heute: International Lesbian and Gay Association – ILGA), es wurde auch in Österreich als lesbisch-schwules Aktionsjahr genutzt.

Lesbisches Leben in Hotspots und Provinz

Ab den 1980ern entstanden Lesbengruppen auch in anderen Bundesländern. Im Archiv von STICHWORT sind derzeit 33 definitive Lesbengruppen außerhalb Wiens nachgewiesen. Sie entstanden zum einen innerhalb der Frauenzentren, zum anderen innerhalb der ab 1980 entstehenden Homosexuellen Initiativen in anderen Bundesländern. So gab es ab 1984 Lesbengruppen im Autonomen Frauenzentrum Linz und von 1985 bis 1999 im Frauenkulturzentrum Salzburg. Darüber hinaus entstehen immer wieder einzelne, in der lesbischen Provinz angesiedelte Gruppen wie der Lesbenstammtisch Kärnten in Klagenfurt, der Welser Frauenstammtisch, die Lila Frauen (1998 bis 2007) innerhalb der Einrichtung Frauengetriebe in Bregenz – mit Frauencafè, Ausstellungen, Musik- und Filmabenden, Frauendisco und anderem mehr – oder die Lesbengruppe innerhalb der Gruppe Pinzgayer im Land Salzburg. Graz und Innsbruck waren neben Wien stets die Hotspots der Neuen Frauenbewegung und selbstverständlich auch Orte lesbischer Organisierung. In Graz gab es erste lesbenpolitische Aktivitäten in den frühen Achtzigern. Das 8.-März-Komitee (gegründet 1983) forderte von Beginn an die Anerkennung und Entkriminalisierung lesbischer Lebensweisen.[18] Eine Lesbengruppe gab es ab 1985 zeitweise auch in der HOSI Steiermark und bis in die Neunziger in der Fraueninitiative Fabrik in Graz.

[19] Labrys organisierte neben anderen Events von 2004 bis 2008 das l.e.f.t-Filmfestival in Graz, das noch bis 2012 von den Rosa Lila Pantherinnen fortgeführt wurde, und seit 2008 dokumentiert das Violetta Lesbenarchiv in Graz lesbische Aktivitäten und Literatur, um nur einiges zu nennen.

Lesbische Aktivitäten entfalteten sich ab Mitte der 1990er auch innerhalb der Österreichischen HochschülerInnenschaften, als eigenständig ist die Lesbengruppe in der ÖH Uni Graz zu nennen. Lesbische Politik fand tendenziell im Rahmen von schwul-lesbischen Referaten statt, deren Benennungsgeschichte die sich verändernden Begrifflichkeiten und das Einsetzen queerer Diskussionen widerspiegelt: Vom Referat für LesBiSchwule Angelegenheiten (gegründet 1995 am Zentralausschuss der ÖH) bis zur, allerdings autonomen, F_L_I_T_AG im Rahmen der „Uni-brennt“-Proteste im Oktober 2009.

Protest und Skandal

Stark im kollektiven Gedächtnis der Wiener Frauen- und Lesbenbewegung verankert sind zwei Konfrontationen mit dem Gesetz: Die Beschlagnahme des Buches „A woman’s touch“ 1982 und der GEWISTA-Prozess.

Das in Oregon publizierte Buch „A woman’s touch“ richtete sich ausschließlich an Frauen. Es sollte ausdrücklich nicht in Männerhände gelangen und wurde daher nur über informelle Kanäle an Frauenbuchhandlungen verschickt. Es blieb am Zoll hängen, wurde als sogenannte harte Pornographie gewertet und führte zu einer Strafanzeige nach dem Pornografiegesetz gegen die Paketempfängerin, die Buchhandlung Frauenzimmer. Die feministischen Überlegungen zu weiblicher Erotik spielten für das Gericht keine Rolle. Das Buch wurde eingezogen und die Frauenbuchhandlung verurteilt, ihrer Nichtigkeitsbeschwerde vor dem Obersten Gerichtshof wurde nicht stattgegeben. Bereits 1981 war nach dem Werbeverbotsparagrafen (§ 220 StGB) die Platte „Lesbian Concentrate. A Lesbianthology of Songs and Poems“ beschlagnahmt worden. Das Olivia Records-Album war 1977 als Antwort auf die homophobe, von Anita Bryant in Florida lancierte Kampagne “zum Schutz unserer Kinder vor den Homosexuellen“ in den USA produziert worden und versammelte die Größen der Frauenmusikbewegung.[20]

Bild 3: Solidaritätsfest für die Buchhandlung Frauenzimmer

Breite mediale Aufregung verursachte das 6. österreichische Lesbentreffen 1987, hatte doch Krone-Kolumnist Nimmerrichter in seiner Staberl-Rubrik behauptet, das Lesbentreffen hätte eine – in seinen Augen empörend hohe – Fördersumme erhalten. (Es handelte sich in Wirklichkeit um eine Förderung für die Frauensommeruniversität in Salzburg.) Die Organisatorinnen klagten die Kronen Zeitung und gewannen schließlich in der Berufung. Die Krone musste im April 1988 ihre Entgegnung abdrucken.[21]

Im Februar 1988 erteilte ein Zusammenschluss von 18 Wiener Frauen- und Lesbengruppen der gemeindeeigenen Werbegesellschaft GEWISTA den Auftrag, auf den äußeren Werbeflächen der Straßenbahnen Slogans anzubringen, die Schlaglichter auf die Situation von Frauen in der Gesellschaft werfen sollten: „Macht macht Frauen stark“, „Die Zukunft ist weiblich oder gar nicht“ und „Lesben sind immer und überall“. Tafeln mit den ersten beiden Sprüchen fuhren im März 1988 durch Wien, der dritte Spruch wurde abgelehnt, da er angeblich gegen die guten Sitten verstieß. Die Frauen- und Lesbengruppen klagten auf Vertragserfüllung und bekamen im Sommer des Folgejahres vom Handelsgericht Recht, das auch keinen Verstoß gegen § 220, den Werbeverbotsparagrafen, sah. Die Werbegesellschaft ging in Berufung, unter anderem mit dem Argument, dass ein politisches Anliegen nicht ablesbar sei. Auch diese Berufung wurde abgewiesen, doch nun weigerten sich die Wiener Verkehrsbetriebe mit dem Argument, der Spruch sei den weiblichen Fahrgästen nicht zumutbar, da sich sonst alle als Lesben bezeichnet fühlen könnten.[22]

Letzten Endes wurde der Spruch nie angebracht, er wurde aber in der Wiener Frauen- und Lesbenbewegung äußerst populär und führte Jahre danach zur Aktion „Sapphos Tra(u)m“. Unter dem Motto „Endlich amoi mit der Tramway foan“ lud der Arbeitskreis Lesben ab 30 zur Rundfahrt mit einer gemieteten Nostalgiestraßenbahn ein.[23] Es wurden Flugblätter verteilt, die auf die gesellschaftliche Situation lesbischer Frauen hinwiesen und die Abschaffung der §§ 220 und 221 StGB einforderten. Die Aktion wurde am 25. Juni 1994 wiederholt.

Bild 4: Sapphos Tra(u)m – Flugblatt 1993

Straßenbahn-Affäre und -Aktion müssen im Rahmen der Debatten um lesbische Sichtbarkeit in dieser Zeit gesehen werden. Ausgehend von Westdeutschland hatte auch in Österreich eine Debatte um die Sichtbarkeit von Lesben in feministischen Zusammenhängen eingesetzt, die sich ab Ende der 1980er in der Formulierung „FrauenLesben“ – und ihren vielen Variationen – im Sprachgebrauch der Bewegung manifestierte. Lesben sollten dezidiert angesprochen und der Stellenwert von Lesben in der Frauenbewegung wie in der Gesellschaft allgemein betont werden. Das Auftauchen der Debatte fällt nicht zufällig in die Zeit anbrechender intersektionaler Auseinandersetzungen und des „zerfallenden Wirs“.

Vergnügen kann politisch sein

Wenn Lesben gemeinsam Sport treiben – beispielsweise ab 1990 die bekannteste Lesbenvolleyballgruppe Marantana oder ab Mitte der 1990er der FrauenLesben-Ballroom-Tanzclub Resis.danse, dessen Tänzerinnen schließlich auch an internationalen lesbisch-schwulen Tanzturnieren teilnahmen, oder der Chor Sappho Singers Unlimited (1997 bis 2000) –, ist es eine Fehleinschätzung, nur von „Freizeitgruppen“ zu sprechen. Community Building ist an und für sich ein politischer Akt. Vergnügen und politisches Handeln sind oft eng miteinander verbunden. Fixpunkte des lesbischen Kulturprogramms waren die Filmfestivals: In Erinnerung ist das erste Frauen Film Festival „Rote Küsse. Vom Vamp zur Vampirin“ vom 9. bis 18. März 1990 in Wien. Von 1993 bis 1996 organisierte Velvet Cinema erste, ans lesbische Publikum gerichtete Kinovorführungen in Wien. Gleichzeitig startete mit trans-X queeres Kino in Wien, das ab 1996 unter dem Namen „identities“ zu einem großen und renommierten Filmfestival wurde. Es fand 2017 zum letzten Mal statt.

Bild 5: Identities. Queer Film Festival 1998

Medien als Diskussionsräume

Lesbisches lesen zu können war und ist für viele von großer Bedeutung: Die Buchhandlung Frauenzimmer war ab 1977 eine wichtige Anlaufstelle für Wienerinnen und nahm auch Bestellungen aus ganz Österreich entgegen, heute ist die Buchhandlung ChickLit der Ort, um lesbische Literatur zu finden. Daneben bietet die Buchhandlung Löwenherz auch Lesbenbücher.

1978 eröffnete die Bibliothek des Arbeitskreises Emanzipation und Partnerschaft (AEP) in Innsbruck. Ab 1981 entstand in Wien eine Bibliothek im Uni-Frauenzentrum, ab 1981 als Archiv der Neuen Frauenbewegung ein Ort feministisch-lesbischer Dokumentation (seit 1990 STICHWORT). In Graz bot das DOKU ab 1989 auch lesbische Literatur, die Bibliothek befindet sich heute im Frauenservice Graz.

Lesbenzeitschriften waren stets wichtige Informations- und Diskussionsforen. Neben dem Lesbenrundbrief erschienen im Lauf der Zeit einige kleinere Blätter sowie die Lila Schriften, die von 1995 bis 2001 Literatur und Theoriediskussionen Raum gaben. Österreichische Leserinnen lasen vor allem auch die Berliner Zeitschriften Lesbenpresse (1975 bis 1982) und Lesbenstich (1980 bis 1993), die Zürcher Frau ohne Herz (1985 bis 1996, danach die bis 2004) und die einzige deutschsprachige lesbische Theoriezeitschrift Ihrsinn. Die Thematisierung lesbischer Themen in der allgemeinen feministischen Presse setzte ab Mitte der 1970er ein; die Zahl der entsprechenden Beiträge verdreifachte sich von den 70ern auf die erste Hälfte der Achtziger und dann noch einmal in den ausgehenden Achtzigern.[24]

Internationales II:

Internationale Kontakte verliefen ab den 1980ern in kleinen wie in größeren Kontexten. Im Lesbenrundbrief (1983 bis 1993) finden sich Informationen zu deutschen und englischsprachigen Büchern und Lesbenzeitschriften, zu Ausstellungen, Tagungen, Camps und Kongressen in Deutschland und international, er spiegelt damit das lebhafte Interesse an den größeren Zusammenhängen wider.

Seit 1972 findet in der BRD jährlich das Lesbenpfingsttreffen statt, 1992 erfolgte die Umbenennung auf Lesbenfrühlingstreffen. Eine österreichische Beteiligung an diesem wichtigen feministisch-lesbischen Diskussionsforum kann zumindest ab 1977 angenommen werden.[25] 1987 trat die Uni-Lesbengruppe aus Wien als Kabarettgruppe beim Lesbenpfingsttreffen in Hamburg auf.[26] Von 1985 bis 1997 bot die jeweils im Herbst stattfindende Berliner Lesbenwoche ein weiteres lesbisch-feministisches Diskussionsforum, an dem von Anfang an auch Lesben aus Österreich teilnahmen.[27]

Ab 1983 nahmen die HOSI-Lesbengruppe wie auch die Lesben der Rosa Lila Villa an den Konferenzen des International Lesbian Information Service – ILIS teil. Beim ILIS-Action Meeting von 30. Dezember 1983 bis 1. Jänner 1984 in Amsterdam beteiligten sie sich an der aufbrechenden Diskussion um Rassismus, was der folgenden ILIS-Konferenz (19. 4. bis 23. 4. 1984 in Stockholm) dann das Motto Rassismus – Faschismus – Klassismus gab. Ab demselben Jahr war die HOSI-Lesbengruppe auch in der IGA aktiv.[28]

Zu einer Solidaritätsaktion mit britischen LGBT-Protesten kam es im Juni 1988 anlässlich der Einführung der Clause 28[29] durch Margaret Thatcher, eines Gesetzeszusatzes, mit dem Rechte von Lesben und Schwulen in Großbritannien beschnitten wurden. Aktivistinnen der Rosa Lila Villa organisierten mit Unterstützung der HOSI-Lesbengruppe am 18. Juni 1988 spontan eine Demonstration am Schwedenplatz.

Internationale Kontakte gab es in den letzten Jahrzehnten laufend. Zu erwähnen ist das vom FrauenLesbenMädchenZentrum im April 2009 selbstorganisierte europaweite Autonome Feministische FrauenLesbenTreffen in dessen Räumlichkeiten. – Als vorerst letztes größeres Ereignis kann die „European Lesbian* Conference“, entstanden im Kontext von ILGA, von 6. bis 8. Oktober 2017 in Wien gewertet werden.

Bild 6: AutonomFeministisches FrauenLesbenTreffen in Wien 2009

Neben der erkämpften rechtlichen Anerkennung in den letzten Jahren – mit gleichzeitig umstrittener Eingemeindung in die ‚Normalitätՙ heterosexueller Strukturen (Stichwort Ehe für alle) – hat ein Ankommen von lesbischen Frauen im Mainstream von Fernsehserien, Popkultur, Talkshows und (neo)liberaler Politik stattgefunden. Jedoch ist die lesbische Selbstverortung innerhalb von LGBTQ+-Zusammenhängen durch die fundamentale Infragestellung der Kategorie Geschlecht problematisch geworden und die queeren Diskurse haben zu Herausforderungen für lesbisch-feministische Politiken geführt. Der Begriff einer lesbischen Existenzweise, die sich nicht auf sexuelle Orientierungen reduzieren lässt, dient nur noch eingeschränkt als positiver Identifikationsrahmen.


Quellen

[1] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 22/2.1.4.8, Information an alle Lesben (Informationsblatt für den Frauenkongreß der autonomen Frauenbewegung, 1977)

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 22/2.2.2, Wir sind Frauen, lieben Frauen und finden es schön! Selbstdarstellung der Lesbengruppe Labris. In: Aktion unabhängiger Frauen (Hg.): Frauenzentrum. Aktion Unabhängiger Frauen, S. [14]

[5] Lesbengruppe nach der Club 2-Sendung „Homosexualität heute“ am 25. 9. 1979 an die Club 2-Redaktion, vgl. eine Plakatserie aus einem Workshop am 6. Lesbentreffen 1987, STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: II P 63

[6] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 17, 8. Lesbentage Wien (Flugblatt, 1989)

[7] Siehe hierzu den Beitrag Homosexualität von Andreas Brunner auf dieser Website

[8] Diese und alle weiteren Abbildungen: STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung

[9] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 22/2.4.3

[10] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 22/2.1.3.3, Protokoll vom 19. 5. 1976, S. 2

[11] Geiger, Brigitte; Hacker, Hanna: Donauwalzer Damenwahl. Frauenbewegte Zusammenhänge in Österreich, Wien: Promedia, 1989, S. 143

[12] Stallecker, Christa: Frauenlager auf der dänischen Insel Sejerø (6. bis 20.8. 77), in: Frauen-Info des Frauenzentrums Wien, 1977, Heft 54, S. 7-8

[13] Internationales Lesbenseminar, in: Frauen-Info, 1978/79, Heft 66, S. [7]

[14] Zur Beteiligung von Frauen aus dem Umfeld des Frauencafés s. Geiger/Hacker, a.a.O., S. 143

[15] Zur Gesetzeslage siehe den Beitrag Homosexualität von Andreas Brunner auf dieser Website

[16] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: I P 1356

[17] Lambda-Nachrichten Heft 4/1982, S. 12-13

[18] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung – Bestand DLG DOKU Graz: G 44, I. Allgemeines. 8. 3. 1983: Flugblatt des 8. März-Komitees „Frauendemo 8. März“

[19] Kata, Elizabeth: Das Findbuch zu den DOKU-Graz-Beständen im GrazMuseum. Masterarbeit Universität Wien, Wien, 2014, S. 25

[20] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 12

[21] Riegler, Waltraud: Staberl-Prozeß, in: Lesbenrundbrief, 1988, Heft 11, S. 6

[22] Riegler: Waltraud: Wien: Keine Lesben in den Straßenbahnen?, in: tamtam, 1990, Heft 2, S. 6; Lesben sind immer und überall, in: tamtam, 1991, Heft 6, S. 28

[23] Sapphos Tra(u)m, in: Die V., 1994, Heft 2, S. [4]; Sonderzug nach Lesbos, in: Die V., 1995, Heft 2, S. 4; STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 321

[24] Verein Frauenforschung und weiblicher Lebenszusammenhang: Die autonome Frauenbewegung im Spiegel ihrer Medien. Projektbericht, Wien: 1991, S. 171

[25] STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 22/2.1.4.8, Information an alle Lesben (Informationsblatt für den Frauenkongreß der autonomen Frauenbewegung, 1977); Frauen-Info des Frauenzentrums Wien, 1977, Heft 51, S. 5

[26] Lesbenrundbrief Heft 9/1987, S. 26; STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung: G 82 und D/I F 13

[27] N., N.: 1. Berliner Lesbenwoche 26. 10. bis 2. 11. 1985, in: Frauennachrichten, 1985, Heft 2, S. 2

[28] Für ILIS-Teilnahme: STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, PN PAN 3/2.6.2, 5. ILIS Conference Paris, 1.-4. 4. 1983, ILIS Conference Report sowie G 15, Interna Mappe 1, Chronik der Ereignisse. Für IGA-Beteiligung: STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, PN PAN 3/2.6.2, 5. International Gay Association Conference, Wien (1983), Notizheft IGA 83, siehe auch Lesbenrundbrief Heft 2, 1984, S. [9]

[29] Die im Mai 1988 im Londoner Parlament beschlossene Clause 28 als Gesetzeszusatz zum Local Government Act 1986 verbot Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden im UK die „Förderung von Homosexualität“. Sie wurde einige Jahre danach wieder abgeschafft. Weitere Infos


Kurze Betrachtung politischer Aspekte des feministisch-lesbischen Begehrens

Birge Krondorfer

Mit der durchgreifenden Erkenntnis „Das Private ist politisch“ hatte die Zweite Frauenbewegung zunächst die häuslichen und ehelichen Unterdrückungs- und Gewaltverhältnisse im Blick. Frauen wollten nicht mehr Opfer von sexualisierten Übergriffen und Gewalt aller Unarten sein, was infolge zur Kritik am Objektcharakter von Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft führte. In ihrer Radikalisierungsphase richtete die Frauenbewegung ihren Kampf auf eine persönliche und allgemeine Befreiung von real existierenden Männern und dem Mann ‚an sichՙ. Dazu gehörten die Gründung von vielfältigen Frauenorten (Frauenhäuser, Frauenbuchhandlungen, Frauenzentren, Frauencafés, Frauennotrufe, Frauenkonferenzen etc.), die das je als nur individuell erfahrene Leid aus der Isolation holten, die Reduktion auf den privaten ‚Kaffeeklatschՙ sprengten und eine politisierte Bezugnahme von Frauen auf Frauen im öffentlichen Raum darstellten. Es ging um eine männerfreie Bestimmung von Inhalten und Formen, um die Entdeckung und Stärkung von Selbstbewusstsein und Gemeinsamkeit. So konnten Frauen den Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnissen, die auch in fortschrittlichen gemischten Kontexten Usus waren, entkommen und das Begehren nach einer eigenen (politischen, ästhetischen, geistigen, leiblichen) Kultur gestalten. Weibliche Selbstbestimmung und Kampf gegen die männliche Herrschaft beflügelten gleichermaßen Aktion und Hoffnung.

Die Entdeckung der abgrundtiefen Verbindung von Patriarchat und Heterosexualität als Unterwerfungs-, Ausbeutungs- und Enteignungsgeschichte ermöglichte die fundamentale Kritik an gewohnten Paar(ungs)reglements als primäre und einzige Lebens-, Liebens- und Arbeitsbasis unserer sozialen Ordnung. Man muss „die gesellschaftlichen Faktoren in Betracht ziehen, die den Frauen gewaltsam ihre auf sich selbst und auf andere Frauen bezogenen Energien entreißen und sie mit allen Mitteln von frauenidentifizierten Werten abhalten“ (Rich 1993, 145). Zur Frage stand, „wie und weshalb für Frauen die Wahl von Frauen als leidenschaftliche Kameradinnen, Lebensgefährtinnen, Mitarbeiterinnen, Geliebte und soziale Bezugsgruppe unterdrückt, verächtlich gemacht, ins Versteck und zur Verkleidung gezwungen wurde“ (ebd., 138). Die herkömmliche männliche Identifikation ist die alltägliche Praxis, in der Frauen die Männer über Frauen (auch sich selbst) erheben und den Austausch ‚nurՙ unter Frauen minder bewerten. „Wenn wir uns genau ansehen, wie umfassend und ausgeklügelt die Maßnahmen sind, die dazu dienen, Frauen im Territorium der männlichen Sexualität zu halten, dann wird es zur unausweichlichen Frage, ob für uns als Feministinnen die entscheidenden Themen wirklich einfach ‚Ungleichheit‘, ‚Herrschaft der Männer über die Kultur‘ oder ‚Tabuisierung der Homosexualität‘ sind. Ob das eigentliche Thema nicht vielmehr die uns Frauen aufgezwungene Heterosexualität ist, die den Männern das Recht auf körperlichen, ökonomischen und emotionalen Zugang zu uns sichern soll. Eines der zahlreichen Mittel zu diesem Zweck ist natürlich das Unsichtbarmachen der Möglichkeit lesbischer Daseinsweisen“ (ebd., 157). In der ‚heterosexuellen Matrix‘ ist der Mann die Nummer eins, ohne den eine Frau nicht denkbar ist und als solche sich selbst nicht denken kann. Ein in den 80ern kursierendes Graffito brachte dies sarkastisch auf den Punkt: ‚Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad.ՙ

Aus schwülen Hinterzimmern heraus avancierten Lesben zur Avantgarde eines die Wurzel des Patriarchats angreifenden autonomen Feminismus und es ereignete sich ein vorher nie erlebter Sog erotischen Begehrens zwischen Frauen, der auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Im Zeichen der „Bewegungslesbe“ entwickelte sich eine Politisierung von Frauenbeziehungen, die sich in emotional heftigen Auseinandersetzungen zwischen Lesben und den so genannten Heteras manifestierte, wobei die ‚wahrenՙ Feministinnen, die Lesben und dabei vor allem diejenigen, die frisch ‚konvertiertՙ waren, für sich eine politisch-moralische Überlegenheit reklamierten. „Die Gesamt-Frauenbewegung hat sich an den Lesben zu bewähren“ (Frankfurter Frauen 1975). Dieser dogmatisch geführte ‚Kriegՙ um das richtige Lieben im falschen Leben zerrüttete die Frauenbewegung und es lässt sich vermuten, dass dies auch deren Ende als kollektive Rebellion mitbegründete. Die Wendung der Frau zur Frau – als Allgemeinanspruch – bedeutete auch jene gegen die Frau als konkrete Einzelne, die immer noch mit dem Feind nicht nur das Bett teilte (vgl. Treusch-Dieter 2014). Auf der anderen Seite jedoch trugen die frauenidentifizierten Frauen (nicht alle) die Arbeit in den feministischen Projekten an der Basis weiter, während die ‚Heterasՙ (nicht jede) begannen, Karriere in den männlich dominierten Institutionen zu machen und ihr frauenbewegtes Wissen ohne Rekurs auf dessen Herkunft mitnahmen. „Obwohl Lesbianismus politisch […] als Emblem revolutionärer Veränderung fungiert hatte, scheut der akademisch gewordene Feminismus davor zurück, die lesbische Differenz zu thematisieren, beziehungsweise die Herausforderung der Infragestellung von Heteronormativität anzunehmen“ (Hark 2005, 303).

Verdrängt wurde ein Wissen und die Erfahrung des „lesbischen Kontinuums“, ein Begriff, der „eine ganze Skala frauenbezogener Erfahrungen, quer durch das Leben jeder einzelnen Frau und quer durch die Geschichte hindurch [umschließt] und nicht einfach die Tatsache, daß eine Frau genitale Sexualität mit einer anderen Frau erlebt hat oder sich bewußt wünscht. Wenn wir den Begriff weiter fassen und auf viel mehr Formen primärer Intensität zwischen Frauen ausdehnen – unter anderem darauf, daß Frauen ein reiches Innenleben miteinander teilen, […] und sich gegenseitig praktisch und politisch unterstützen“ (Rich 1993, 158), dann lässt sich die große Leidenschaft der Auseinandersetzungen erahnen, ging es doch um die Vision einer anderen Welt, die weibliche Freiheit und Selbstbestimmung versprach. Von den frauenliebenden Frauen war zu lernen, dass frau auch ohne normierte Weiblichkeiten, vorgestanzte Geschlechterbilder und eingeengte Sexualitätsvorstellungen, also ohne männliche Anerkennung, ein würdiges Leben führen kann.

„Frauen in Freiheit – das ist nach wie vor eine existenzielle Unmöglichkeit. Es bleibt das Verdienst der Frauenbewegung und der feministischen Theoriebildung, soziale und sexuelle Beziehungen entprivatisiert und das weib-weibliche Begehren enttabuisiert zu haben. Frauenverbindungen als politisches und gesellschaftliches Bezugssystem bedeuten eine fundamentale Infragestellung des Männerbundes samt seiner verfügbaren Frauen. Eine lesbische Liebe, deren Selbstverständnis die feministische Differenz zu diesem System des Immergleichen nicht vergisst, wäre eine Garantin der Möglichkeit der Entscheidung für eine Politik der Frauenfreundschaften, die nicht auf verwandtschaftlicher Schwesternschaft, sondern im Gegenteil auf den Unterschieden zwischen Frauen basiert. Einer Differenz, die weibliche Freiheit erst ermöglicht, denn durch die Anerkennung der anderen als die Andere werden Frauen zu Subjekten – nicht nur des Politischen“ (Krondorfer 2010, 229).

Ein nach wie vor unerhörtes (Auf-)Begehren.


Literatur

Frankfurter Frauen (Hg.): Frauenjahrbuch 1, Frankfurt/M.: Roter Stern, 1975; zit. nach Treusch-Dieter, Gerburg: Weiberdämmerung oder der Tag danach (Erstveröffentlicht 1985). Neuere Perspektiven der weiblichen Sexualität. In: Futscher, Edith; Kremer, Heiko; Krondorfer, Birge; Mauerer, Gerlinde (Hg.): Gerburg Treusch-Dieter. Ausgewählte Schriften, Wien: Turia + Kant, 2014, S. 158

Hark, Sabine: Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2005

Krondorfer, Birge: Das Politische des lesbischen Begehrens. Erzählung – Deutung – Hoffnung. In: Froihofer, Maria,; Murlasits, Elke; Taxacher, Eva; In: Universalmuseum Joanneum Graz (Hg.): l[i]eben und Begehren zwischen Geschlecht und Identität, Wien: Löcker, 2010, S. 222–229

Rich, Adrienne: Zwangsheterosexualität und lesbische Existenzweise. In: Schultz, Dagmar (Hg.): Lorde, Audre; Rich, Adrienne: Macht und Sinnlichkeit, Berlin: Orlanda, 1993, 4. Auflage (Erstveröffentlicht in den USA 1980, in Deutschland 1983), S. 138–168

Treusch-Dieter, Gerburg: Weiberdämmerung oder der Tag danach. Neuere Perspektiven der weiblichen Sexualität (Erstveröffentlicht 1985). In: Futscher, Edith; Kremer, Heiko; Krondorfer, Birge; Mauerer, Gerlinde (Hg.): Gerburg Treusch-Dieter. Ausgewählte Schriften, Wien: Turia + Kant, 2014, S. 141–171


Zeittafel

1976:   Nach einem Gründungsaufruf im Jänner durch ein Inserat im Heft 6 der AUF. Eine Frauenzeitschrift entsteht eine erste Lesbengruppe als Arbeitskreis innerhalb der Aktion Unabhängiger Frauen (AUF). – Im Mai taucht im AUF-Artikel „Die Lesbe, das Monster“ erstmals das Wort Lesbe in einem feministischen Medium auf. – Am 10. April spielt die legendäre Lesbenband Flying Lesbians aus der BRD bei einer vom Z-Club (Zentralsparkasse Österreich) und unter ursprünglicher Beteiligung der AUF organisierten mehrtägigen Veranstaltung u. a. mit Alice Schwarzer im Z-Club. – Im Dezember wird in der AUF für die Gründung einer Lesben-WG inseriert. Diese wird später unter dem Namen Amazonenmarkt bekannt.

1977:   Auf dem Frauenkongreß der Autonomen Frauenbewegung von 14. bis 15. Mai 1977 im Dramatischen Zentrum in Wien zeigt die Lesbengruppe der AUF einen Film über Formen der Diskriminierung und lesbische Alternativen. – Frauenzimmer Buchhandlung und Café eröffnen im Mai getrennt, aber in denselben Räumlichkeiten. Die Buchhandlung ist eine wichtige Anlaufstelle für Lesbenliteratur. Ab Sommer 1982 befindet sie sich im selben Haus eine Tür weiter. Das Frauencafé, das immer wieder Lesungen, Ausstellungen, Arbeitskreise u. a. m. organisiert, wird, von heftigen Diskussionen begleitet, nach und nach zu einem wichtigen Lesbenort.

1979:   Die Lesbengruppe der AUF produziert das Flugblatt „Die Seele hat kein Geschlecht“ für die 1. Mai-Kundgebung. – Von 22. bis 25. November finden die Innsbrucker Frauentage statt, bei denen es zu einem heftigen Lesben-Hetera-Konflikt kommt; dabei entsteht die Idee eines österreichischen Lesbentreffens.

1980:   Am Internationalen Frauentag wird erstmals ein Transparent gegen Diskriminierung von Lesben bei einer Demo entrollt. – Das 1. Lesbentreffen findet von 5. bis 8. Juni unter dem Titel „Frauenkongress – Frauenbeziehungen“ im Amerlinghaus in Wien statt.

1981:   Im November 1981 wird die HOSI-Lesbengruppe in der seit 1979 bestehenden Homosexuellen Initiative gegründet. – In der bekannten Wiener Diskothek U4 findet am 28. November ein erstes Lesbenfest gegen das Werbe- und Vereinsverbot statt. Es kommen über 300 Frauen. – Im Dezember findet nach der Aufführung des Stückes „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ im Volkstheater-Studio eine Diskussion zwischen der HOSI-Lesbengruppe, Schauspielerinnen und Publikum statt. Die Berichte in den Tageszeitungen Kurier und AZ werden von der HOSI-Lesbengruppe als positiv bewertet.

1982:   Im Anschluss an die Demonstration zum Internationalen Frauentag stürmen Frauen der HOSI-Lesbengruppe die Podiumsdiskussion „Formen des Zusammenlebens“ im Künstlerhaus, entrollen ein Transparent und verlesen ein Manifest. – Am 13. Mai findet, organisiert vom Frauencafé, ein Benefizfest für die Buchhandlung Frauenzimmer statt, um die Anwältinnenkosten nach der Beschlagnahme von „A woman’s touch“ aufzutreiben. – Am 26. Juni 1982 findet die erste, noch kleine und informelle Gay-Pride-Parade in Wien statt. – Auch Lesben sind ab dem Sommer in der Rosa Lila Villa aktiv und tragen u. a. die Hausgemeinschaft, die Beratungsstelle Rosa Lila Tipp und die Feste mit. – Das Frauenlokal Lila Löffel im Frauenkommunikationzentrum wird im Oktober mit einem Fest eröffnet. Vor allem nach der Neuübernahme durch Frauen aus dem Umfeld der Rosa Lila Villa Ende 1984 wird es zu einem weiteren wichtigen Ort der Lesbenbewegung, es existiert mit einer Unterbrechung bis 1986, gefolgt von der Sonderbar und dem FZ-Beisl (ab 1989).

1983:   Im Mai 1983 wird die Österreichische Gesellschaft für Homosexuellenforschung und LesbierinnenforschungÖGHL gegründet. – Von 10. bis 30. Juni findet im Lila Löffel die Ausstellung „Lesben in Wien“ statt. – Seit 1983 finden im Juni die Schwulen- und Lesbentage, Warme Wochen und ähnliche Veranstaltungen statt. – Beim 2. österreichischen Lesbentreffen von 9. bis 11. September im Amerlinghaus entsteht die Idee zur Zeitschrift Lesbenrundbrief, die bis 1993 von wechselnden Gruppen herausgegeben wird. – Das Frauencafé gibt ab Mai gemeinsam mit dem Lila Löffel die Lilien Postilien heraus, die Zeitschrift erscheint ebenfalls bis 1993. – Lesben der HOSI und der Rosa Lila Villa fahren über den Jahreswechsel erstmals zu einer ILIS-Konferenz (Paris).

1984:   Beim 5. Historikerinnentreffen von 16. bis 19. April in Wien ist auch Lesbengeschichte Thema von Vorträgen. – In der Rosa Lila Villa findet von 28. bis 30. September das 3. österreichische Lesbentreffen statt.

1985:   4. österreichisches Lesbentreffen im September in der Rosa Lila Villa.

1986:   Bei der 3. österreichischen Frauensommeruniversität von 6. bis 12. Juli in Innsbruck findet ein Workshop zum Thema „Lesbische Existenz“ statt. – 5. österreichisches Lesbentreffen („Kongreß Homosexueller Frauen“) von 10. bis 12. Oktober in der Rosa Lila Villa. – Im Oktober entsteht die Uni-Lesbengruppe, die weibliche Homosexualität an der Uni zum Thema macht und eine kritische Auseinandersetzung mit der männlichen Wissenschaft fordert. Sie existiert bis 1988.

1987:   Auftritt der Uni-Lesbengruppe beim Lesbenpfingsttreffen 1987 in Hamburg mit dem Kabarett „Postfeministisches Lust/Spiel Schöne fremde Frau“. – Lesbische Politik und „Hetero-Lesben-Polarisierung“ sind Thema bei der 4. österreichischen Frauensommeruniversität von 12. bis 19. Juli in Salzburg. – Das 6. österreichische Lesbentreffen findet von 30. Oktober bis 1. November im Frauenkulturzentrum in Wien statt.

1988:   7. österreichisches Lesbentreffen („Lesbenkongreß“) von 21. bis 23. Oktober in der Rosa Lila Villa.

1989:   8. österreichisches Lesbentreffen („Lesbentage“) zum Schwerpunkt Lesbenalltag und Lesbenstrukturen von 8. bis 12. November in Frauen(kultur)zentrum, Frauencafé und HOSI.

1989:   Ab Ende 1989 erscheint in den von der HOSI Wien herausgegebenen Lambda-Nachrichten die Glosse „Aus lesbischer Sicht“, von 1990 bis 2000 verfasst von Helga Pankratz.

1990:   Das Archiv der Neuen Frauenbewegung, gegründet 1983, wechselt im Zuge der allgemeinen Diskussion um lesbische Sichtbarkeit innerhalb der Frauenbewegung seinen Namen und heißt fortan: STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung. Auch das Frauen(kultur)zentrum in Wien ändert seine Benennung in FrauenLesbenzentrum, andere folgen. – Bei der 6. Frauensommeruniversität von 6. bis 15. Juli in Wien gibt es Arbeitskreise und Vorträge rund um die „Konfliktachse Lesbianismus versus Heterosexualität“.

1991:   9. und letztes österreichisches Lesbentreffen von 3. bis 6. Oktober in Wien zum Schwerpunkt Lesbenkultur. – 1. Lesben- und Schwulenforum in Linz.

1992:   Das Musikkabarett Labellas tritt erstmals anlässlich 15 Jahren Frauencafé auf. Der letzte Auftritt des bekannten Szene-Kabaretts fand 2001 statt.

1994:   An der Universität Wien findet im März erstmals die „LesBiSchwule Aktionswoche“ statt, veranstaltet von der LesBiSchwulen Gruppe an der GEWI. – Marantana. Sportverein für Lesben und Freundinnen veranstaltet ein internationales Lesbenvolleyballturnier von 2. bis 3. April in Wien. – 4. österreichisches Lesben- und Schwulenforum „Alpenglühen“ von 28. Oktober bis 1. November in Wien, organisiert vom neu gegründeten Österreichischen Lesben- und Schwulenforum (ÖLSF).

1995:   5. österreichisches Lesben- und Schwulenforum „Donauwellen“ von 26. bis 29. Oktober in Linz.

1996:   „Erster lesbischwuler und transgender Festzug Österreichs (Regenbogenparade)“ auf der Wiener Ringstraße am 29. Juni. – 6. österreichisches Lesben- und Schwulenforum von 1. bis 3. November in Dornbirn.

1997:   Mit 28. Februar sind die auch Lesben betreffenden Strafgesetzparagraphen 220 („Werbeverbot“) und 221 („Vereinsverbot“) rechtsgültig abgeschafft, dem war, angetrieben von der Rechtslage in der EU, ein Beschluss im Nationalrat am 27. Nov. 1996 vorangegangen. – 7. österreichisches Lesben-, Schwulen- und Transgenderforum „Lebenswelten – Menschenrechte“ von 24. bis 26. Oktober in St. Pölten.

1998:   Erster Wiener Regenbogenball am 6. Februar im Arcotel Wimberger. Lesbische Tänzerinnen des Resis.danse Ballroom Tanzclub sind im Eröffnungskomittee. – 16 Tänzerinnen von Resis.danse nehmen neben zahleichen anderen Sportlerinnen und Sportlern an den internationalen Gay Games von 1. bis 8. August in Amsterdam teil. – 8. österreichisches Lesben-, Schwulen- und Transgenderforum von 30. Oktober bis 1. November in Klagenfurt.

1999:   9. österreichisches Lesben- und Schwulenforum „Bewegung macht Geschichte“ von 29. bis 31. Oktober in Wien.

2000:   Auf der Regenbogenparade gibt es einen Wagen „Mobile lesbische Bildstörung“.

2001:   Ab Oktober produziert die Autorin und Aktivistin Helga Pankratz den E-Mail-Newsletter Lebenszeichen. Er wird bis mindestens 2008 versendet.

2005:   Von 26. Oktober 2005 bis 8. Jänner 2006 läuft in der eigens dafür adaptierten Neustifthalle in Wien die Ausstellung „Geheimsache: Leben. Schwule und Lesben im Wien des 20. Jahrhunderts“.

2008:   In Graz entsteht das kleine Violetta Lesbenarchiv in den Räumen der Frauenbuchhandlung Berta Bücher.

2009:   Europaweites Autonom Feministisches FrauenLesbenTreffen von 9. bis 14. April im FrauenLesbenMädchenZentrum in Wien.

2012:   Anfang des Jahres eröffnet die Buchhandlung ChickLit mit queer-feministischem Konzept als neuer Ort für Lesben- und queere Literatur. Als weiteren Bücherort nutz(t)en Lesben auch das Angebot in der Buchhandlung Löwenherz.

2015:   Nachdem zwei Lesben des Lokals verwiesen worden waren, findet am 16. Jänner am Wiener Stubentor spontan eine Demonstration gegen das Kussverbot für Lesben im Café Prückel statt, organisiert von der Achse Kritischer Schüler_innen Wien. – Das _tastique_festival von 5. bis 8. März in Wien wird von der gleichnamigen queer-feministischen Gruppe organisiert.

2016:   Lesben des FrauenLesbenMigrantinnenZentrums Wien engagieren sich in der Initiative Autonome Feministische FrauenLesben aus Deutschland und Österreich für die Installation einer Gedenkkugel im KZ Ravensbrück als Zeichen des Gedenkens an die Verfolgung und Ermordung lesbischer Frauen im NS-Faschismus.

2017:   Im Juni läuft zum letzten Mal das identities Film Festival in Wien. – Im Oktober findet die European Lesbian* Conference in Wien statt; sie ist für alle Geschlechter offen.


Margit Hauser ist langjährige Mitarbeiterin und Geschäftsführerin von STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung in Wien sowie im Vorstand von i.d.a., dem Dachverband der deutschsprachigen Lesben/Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen tätig; sie veröffentlicht v. a. zum feministischen Dokumentationswesen.

Birge Krondorfer ist politische Philosophin und feministische Aktivistin, Universitätslektorin und Erwachsenenbildnerin, Autorin und Herausgeberin. Seit 1979 tätig in diversen feministischen Initiativen und Organisationen, besonders in der von ihr mitbegründeten und 1993 eröffneten Frauenbildungsstätte Frauenhetz in Wien.