Die aktuelle Ausgabe der STIMME #118/2021 – Die Grenzen meiner Welt. Schauplatz Sprache

Wenn sich derzeit ein Thema in der Häufigkeit medialer Präsenz mit der Berichterstattung rund um die Pandemie messen kann, dann ist es die Sprache bzw. sprachliches Handeln. Die Verabschiedung des deutschen Wörterbuchs Duden vom generischen Maskulinum Anfang 2021 hat dieser Debatte vermutlich den letzten Schub gegeben. Das Ausmaß der von tiefer Empörung von Befürworter:innen und Gegner:innen des geschlechtergerechten Formulierens begleiteten Debatte ist vielmehr dem unheimlichen Emotionalisierungspotenzial der Sprache geschuldet. Wie wäre sonst folgende Aussage in einem Leserbrief zu erklären, die Armin Wolf in seinem Blogbeitrag vom 11. 3. 2021 zitiert: „Gendern ist (…) der Versuch bestimmter Kräfte, die Kontrolle über unser Denken (…) zu erlangen. (…) Wehret den Anfängen!“

Neben der Forderung nach der expliziten Verwendung der weiblichen Form statt des generischen Maskulinums sowie weiterer Zeichen, um alle Geschlechter zwischen Frau und Mann miteinzuschließen, geht es in den Debatten um zwei weitere Aspekte des Sprechens und Schreibens, erstens um sensiblen Sprachgebrauch, nach dem Menschen mit Begriffen angesprochen werden sollen, die sie sich wünschen – ohne „Das haben wir schon immer so gesagt“ oder „Ich meine es aber nicht böse“. Und zweitens um den meist umstrittenen Aspekt, der sich an die Frage anlehnt, wer über wen sprechen/schreiben darf. Dieser Tage sehr prominent an der Debatte rund um die möglichen Übersetzer:innen der Gedichte der jungen US-amerikanischen Lyrikerin Amanda Gorman auszumachen.

Was die geschlechtergerechte Formulierung betrifft, hat die Stimme die Wahl des geschlechterumfassenden Zeichens immer ihren Autor:innen überlassen. Uns ist auch klar, dass es keine Garantie gibt, niemals verbal zu diskriminieren. Worauf es im Sprachverhalten trotzdem ankommt ist Thema unserer Schwerpunktausgabe.

In einem einleitenden Text blickt Hakan Gürses auf den Kampf gegen Diskriminierung durch Sprache zurück und setzt sich mit der aktuellen „Politik der Zeichen“ auseinander – mit Sorge um die Verdrängung von Werten wie Menschenrechte, Gleichheit oder Solidarität im Namen der Identitätspolitik. Hakan gilt ein besonderer Dank für seine Unterstützung bei der Konzeption dieses Heftes.

„Wer darf über wen schreiben?“ Eine, die es wissen muss, wie diese Frage in der Welt der Literatur diskutiert wird, ist Jessica Beer, Programmleiterin Literatur im Residenz Verlag. Sie schreibt über die Bedeutung der Sprachpolitik für literarisches Schaffen.

Nicht verständliche Sprache erzeugt für Menschen mit Lernschwierigkeiten Barrieren der Teilhabe. Die Sozialwissenschaftlerin Petra Flieger geht der Rolle der Leichten Sprache in der Bekämpfung historisch gewachsener Machtverhältnisse nach.

Wie können wir die zweifellos notwendige, aber zumeist unverhältnismäßig aggressiv geführte Debatte um die Sprache in eine ruhigere Bahn führen? Wir sprachen mit Vlatka Frketic und Persson Perry Baumgartinger, beide seit Jahren mit Sprache und Diskriminierung befasst, über Respekt, Empathie und die Macht der Deutungshoheit.

Wir wollten auch wissen, welche Diskussionen dazu innerhalb etablierter Medien laufen. Romana Beer hat den ORF-Moderator Tarek Leitner und die stellvertretende Standard-Chefredakteurin Nana Siebert nach dem Stellenwert sensiblen Sprachgebrauchs in ihren Redaktionen gefragt.

Unter dem Motto „Worte trennen – Bilder verbinden“ entwickelte Otto Neurath in den 1920er Jahren die Wiener Methode der Bildstatistik. Sein Ziel: die Demokratisierung des Wissens. Julia Schönherr sprach mit dem Neurath-Forscher Günther Sandner über die Entwicklung und das Scheitern dieser Universalsprache.

Über die Macht des Sprechens über andere und die Notwendigkeit, selbst das Wort zu ergreifen, schreiben Assimina Gouma und Julija Stranner.

Die Initiative Minderheiten – und mit ihr die Stimme – feiern heuer den 30. Geburtstag. Die Ermutigung von minoritären Allianzen war stets im Fokus unserer Aktivitäten. Aber wie sehen das heute junge Aktivist:innen? Cornelia Kogoj wollte es wissen und brachte Lara Guttmann, Isabel Frey, Heline Ahmad und Ara Bardtarkhanian an einen Tisch. Lesen Sie in der ersten Folge des Stimme-Talks „Junger Aktivismus und minoritäre Allianzen“, was sie dazu zu sagen haben. 

Anregende Lektüre an hellen Tagen wünscht

Gamze Ongan, Chefredakteurin


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