Die aktuelle Ausgabe der STIMME #122/2022

Das Burgenland feierte im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Im jüngsten Bundesland der Republik sind seit Jahrhunderten mehrere Sprachgruppen und heute drei der sechs anerkannten autochthonen Volksgruppen Österreichs angesiedelt. Neben der deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit leben im Burgenland Ungar:innen, Kroat:innen und Romn:ja – und über Jahrhunderte, seit 1938 aber nicht mehr, Juden und Jüdinnen.

Jubiläen dienen dazu, die Geschichte aufleben zu lassen und vor allem zu feiern, die Vergangenheit zu festigen und zu verinnerlichen. Im Spiegel der Jubiläen kommt so das Selbstverständnis der Jubilierenden zum Vorschein. Wir haben Autor:innen aus Burgenlands unterschiedlichen Minderheitengruppen eingeladen, die Feierlichkeiten anlässlich des Jubiläumsjahrs kritisch zu reflektieren.

Am Beginn unserer Themenstrecke steht ein vor zehn Jahren geschriebener, vor zwei Jahren aktualisierter und nun der Stimme zur Verfügung gestellter Essay des Oberwarter Schriftstellers Clemens Berger, der von seiner Aktualität nichts verloren hat: Woraus Identität erschaffen, wenn es die Sprache, die Ethnie, die Religion nicht können?

100 Jahre Burgenland bedeutet auch 100 Jahre Grenze, ging doch diese Region jahrhundertelang über die östliche Staatsgrenze Österreichs hinaus. Die Slawistin Katharina Tyran analysiert die Folgen der Grenzziehung für die kroatische Minderheit und ihren Weg zu Burgenlandkroat*innen.

Neunzig Prozent der burgenländischen Romn:ja wurden im Holocaust ermordet, die wenigen Rückkehrer:innen fanden nach 1945 ähnliche Verhältnisse vor wie vor ihrer Verschleppung. Die Literaturwissenschaftlerin und ORF-Mitarbeiterin Katharina Graf-Janoska nimmt das Jubiläumsjahr zum Anlass, um ihre burgenländischen Landsleute zur Verantwortung zu ziehen.

Die erste Reaktion von Johannes Reiss, Leiter des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt, auf unsere Einladung lautete: Es gebe aus heutiger Sicht leider nichts zu berichten. Umso wichtiger ist sein Beitrag über die vergangenen 100 Jahre aus jüdischer Perspektive.

Iris Zsótér, Direktorin am Zweisprachigen Bundesgymnasium Oberwart, warnt vor dem Verlust der Vielsprachigkeit und der kulturellen Diversität – ihr Beitrag ist ein Plädoyer für den Erhalt der ethnischen Vielfalt.

„Wir sind 100. Burgenland schreibt Geschichte“ heißt die Jubiläumsausstellung in der Burg Schlaining. Die Theaterwissenschaftlerin Lydia Novak kommentiert den Platz der Volksgruppen in der Ausstellungsdramaturgie. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Lydia Novak für die Idee und die Unterstützung bei der Konzeption dieses Schwerpunktheftes.

In dieser Ausgabe finden Sie noch:

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung Österreich trauert um die Behindertenrecht-Aktivist:innen Manfred Srb und Annemarie Srb-Rössler. Ein Nachruf von Volker Schönwiese.

Stimm*Raum, ein Kunstprojekt aus Oberösterreich, lud tschetschenische Jugendliche ein, ihrem negativen Image in der Öffentlichkeit mit kreativen Mitteln zu entgegnen. Ein Bericht der Journalistin und Autorin Maynat Kurbanova.

Die Initiative Minderheiten Tirol veranstaltet seit 2018 das internationale Filmfestival INNCONTRO zum Schwerpunkt Migration. Die freie Journalistin Çağla Bulut kommentiert das Festival 2021 mit Fokus auf Dokumentarfilme zu Migrationsregimen und Selbstermächtigung.

In eigener Sache

Am 28. und 29. Oktober 2022 veranstaltet die Initiative Minderheiten gemeinsam mit dem Music and Minorities Research Center (MMRC) die Tagung „Macht der Musik. Minderheitenpolitische Interventionen.“ In Panels und begleitenden Workshops werden Musik und Tanz als Mittel der politischen Intervention bzw. der Repräsentation und Identifikation, zur Erweiterung offizieller Kanons im Bildungsbereich sowie zur Schaffung von Gemeinschaft und Gemeinsamkeit diskutiert. Eine Filmreihe zu den genannten Themen wird die Tagung begleiten. Detaillierte Informationen zum Programm finden Sie in der nächsten Ausgabe.

Die Sommerausgabe der Stimme widmet sich dem Themenkomplex Gesundheit im Zusammenhang mit marginalisierten Gruppen.

Möge der Frühling gute Nachrichten mit sich bringen.

Gamze Ongan, Chefredakteurin


Stimmlage: W-Fragen im Untertitel – von Hakan Gürses

Groll: Herr Groll unter Freiheitskämpfern – von Erwin Riess

Nachlese: „Meine Kunst wurde zu meinem Protest“ – von Lilian Häge

Lektüre: Mit Beiträgen von Jo Schmeiser, Alena Klinger und Vida Bakondy


Gestaltung: Fatih Aydoğdu

Lektorat: Daniel Müller www.syntext.at


Aboservice: abo(at)initiative.minderheiten.at

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