Die aktuelle Ausgabe der STIMME: #129/2023 Wissenschaftsskepsis und die Folgen für die Demokratie

Als wir uns Ende 2022 für dieses Schwerpunktheft entschieden, lautete unser Arbeitstitel noch „Wissenschaftsfeindlichkeit“. Den Anlass bildeten die österreichbezogenen Ergebnisse einer EU-weiten Umfrage über die Einstellung der Bevölkerung zu Wissenschaft und Forschung (Eurobarometer 2021). Österreich zeichnete sich in dieser Befragung durch großes Misstrauen in die Wissenschaft aus und lag somit weit unter dem EU-Durchschnitt.

Nach der Veröffentlichung der Ursachenstudie des Instituts für Höhere Studien (IHS) zu „Ambivalenzen und Skepsis in Bezug auf Wissenschaft und Demokratie“ im August 2023 entschieden wir uns für den weniger radikalen Begriff „Wissenschaftsskepsis“. Die besagte Studie relativiert nämlich die ernüchternden Ergebnisse des Eurobarometers und verortet die Österreicher*innen in Bezug auf Wissenschaftsskepsis im EU-Mittelfeld. Aufhorchen lässt allerdings die Feststellung, dass negative Äußerungen gegenüber Wissenschaft mit demokratiekritischen Einstellungen Hand in Hand gehen.

Johannes Starkbaum und Erich Griessler vom Autorenteam der IHS-Studie eröffnen die Themenstrecke und plädieren dafür, den Anteil der Wissenschaft selbst und der Politik an der öffentlichen Wahrnehmung von Wissenschaft nicht außer Acht zu lassen.

Wie nehmen in Österreich forschende ausländische Wissenschaftler*innen die Wissenschaftsskepsis hierzulande – auch im Vergleich zu ihren Herkunftsländern – wahr? Marlene Erhart, Wissenschaftsredakteurin des STANDARD, hat nachgefragt.

Die renommierte Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt bezieht im Stimme-Gespräch mit Peter Illetschko Stellung zu den Ursachen der Wissenschaftsskepsis und zeigt am Beispiel der Corona-Pandemie die Fehler der Politik im Umgang mit der Wissenschaft auf.

Warum schenken Menschen so oft „alternativen“ Informationen aus zweifelhaften Quellen Glauben? Wissenschaftsjournalist Peter Illetschko diskutiert in einem Essay den Unterschied zwischen Glauben und Wissen und denkt über Strategien gegen die Lawine von Fake News nach.

Ein Wissenschaftsfeld, das besonders angefeindet wird, sind die Gender Studies. Die Politikwissenschaftlerin Fritzi M. nimmt eine historische und gegenwärtige Bestandsaufnahme antifeministischer Agitation gegen kritische Geschlechterforschung vor.

Die Migrationsforscherin Julia Mourão Permoser analysiert in ihrem Beitrag die von Spannungen und Instrumentalisierung geprägte Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik am Beispiel der Migrationspolitik.

Im Jahr 1996 rief der Physiker und Wissenschaftsminister Portugals José Mariano Gago als Maßnahme gegen die große Wissenschaftsskepsis im Lande die Initiative „Ciência Viva“ (Lebendige Wissenschaft) ins Leben. Klaus Taschwer, Mitautor der IHS-Studie und Wissenschaftsjournalist, schildert die Erfolge dieses Programms für innovative Wissenschaftskommunikation.

Der Dezember 1993 markiert den Beginn des sogenannten Briefbombenterrors in Österreich. Die innenpolitisch motivierte Terrorwelle gegen Minderheiten und ihre Unterstützer*innen dauerte bis 1997. 30 Jahre danach widmet sich die Initiative Minderheiten in einer dokumentarischen Ausstellung (Eröffnung am 23. April 2024 im Volkskundemuseum Wien) gesellschaftspolitischen Voraussetzungen und minderheitenpolitischen Folgen des rechten Terrors der 1990er Jahre. Auf Seite 28–29 erinnern wir an die Jahre der Radikalisierung gegen Minderheiten.

Erholsames Jahresende wünscht

Gamze Ongan, Chefredakteurin


Stimmlage: Von alten Monden und neuen Sternen – von Hakan Gürses

Lektüre: Wüstenrose – Ein Plädoyer für Freiheit und Rechte von Frauen und Mädchen – Rezension von Darija Davidovic

Lokale Antworten auf aufenthaltsrechtliche Prekarität. Zugänge zu Gesundheitsversorgung – Rezension von Theresa Schütze

Nachlese: „Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit“ – Rezension von Melanie Konrad


STIMME Nr. 129.pdf


Gestaltung: Fatih Aydoğdu

Lektorat: Daniel Müller www.syntext.at


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