Die aktuelle Ausgabe der STIMME #140/2026 Die manipulierte Öffentlichkeit – Netzradikalisierung als Bedrohung für Demokratie und Minderheiten

Über zwei Drittel der von der Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien 2024 dokumentierten Vorfälle ereigneten sich im digitalen Raum. Laut dem aktuellen Rechtsextremismusbericht des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) wurde im selben Jahr ein Viertel der nach dem Verbotsgesetz rechtsextremistischen Delikte im Internet begangen. Ein Großteil neonazistischer Propagandaaktivitäten und Rekrutierung findet auf Social Media bzw. Messengerdiensten statt.

Fake News und Verschwörungstheorien gibt es nicht erst seit der Entstehung von Social Media, neu ist ihre vorsätzliche Verbreitung mit politischer Agenda. Durch KI-gestützte Bild- und Videogenerierung bekommen sie eine neue Qualität. Algorithmen greifen in Kommunikationsprozesse ein, gewichten Themen, legitimieren extremistische Akteur*innen und blenden den demokratischen Meinungspluralismus aus. Wer sich hier seine politische Meinung bildet, verliert den Bezug zu Gegenpositionen.

Doch wer bildet seine politische Meinung im Netz? Die Neurowissenschafterin Hannah Metzler argumentiert im vorliegenden Heft anhand zahlreicher Studien, dass es sich bei den sogenannten Supersharern um Menschen mit bereits extremen politischen Einstellungen und mangelndem Vertrauen in Institutionen geht. Wie wir den zunehmenden Gefahren für Minderheiten im Interner begegnen können, analysiert Metzler gemeinsam mit weiteren Expert*innen aus Wissenschaft, Medien und der Praxis in diesem Schwerpunktheft.

Noch nie war Aufmerksamkeit so umkämpft wie heute. Wer gehört werden will, muss auffallen. Wer auffallen will, muss sich zuspitzen.Was dieser Kampf mit uns macht – und ob wir wirklich mitspielen müssen, zeigt Beate Hausbichler, Leiterin des frauenpolitischen RessortsdieStandard, in ihrem Beitrag.

Bilder und Videos werden immer schwerer überprüfbar. Das Misstrauen wächst in alle Richtungen. Nicht nur Fake geht als echt durch – auch was echt ist, wird schnell für einen Fake gehalten. Eva Wackenreuther vom Verifikationsressort ORF defacto plädiert auch hier für die Einhaltung der Prinzipien des Qualitätsjournalismus.

Die Pädagogin und Künstlerin Eşim Karakuyu schaut dorthin, wo Jugendliche ihre Identität mitgestalten: auf TikTok. Dort begegnen jungen Frauen auch traditionelle Rollenbilder und fragwürdige Beziehungsideale. Karakuyu zeigt, wie diesen Bildern eigene Geschichten entgegengesetzt werden können.

Die rasante Verbreitung von Hate Speech in den sozialen Medien sollte nicht unterschätzt werden. Zugleich bieten gerade diese Plattformen die Möglichkeit, dagegenzuhalten, betont der Medienkritikersimon INOUimStimme-Gespräch.

Anlässlich der Befreiungsfeier 2026 in Attnang-Puchheim erinnerte die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger an ein kaum bekanntes Verbrechen der letzten Kriegstage beim KZ-Außenlager Ebensee. Wir veröffentlichen ihre Gedenkrede, die eindringlich zeigt, dass historisches Erinnern die notwendige Basis ist, um heutigen demokratie- und menschenfeindlichen Tendenzen wirksam entgegenzutreten.

Kommen Sie gut durch den Herbst

Gamze Ongan, Chefredakteurin


Gestaltung: Fatih Aydoğdu

Lektorat: Dan Müller


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